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Dr. Martin Marianowicz, Marianowicz Medizin, Zentrum für Diagnose und Therapie in München KRANKHEITEN

Rückenschmerzen – OPs meistens nicht notwendig

Obwohl moderne konservative Therapien laut Spezialisten oft ausreichen würden, werden immer mehr Patienten operiert. 

Die meisten Rückenoperationen in Deutschland sind organisierte Körperverletzung auf Kosten der Versichertengemeinschaft.

Millionen Menschen in Deutschland leiden unter teils heftigen Rückenschmerzen. Sie überschwemmen die Arztpraxen und auch die Notfallaufnahmen der Krankenhäuser. Statistiken und Umfragen ergeben alarmierende Zahlen. Laut einer Statista-Umfrage im Januar 2017 leidet jeder zweite Deutsche zumindest gelegentlich an Rückenschmerzen. Auch der aktuelle Gesundheitsreport der DAK Gesundheit weist erschreckende Zahlen auf. Hochgerechnet auf die erwerbstätige Bevölkerung errechnete die Kasse so 35 Millionen Ausfalltage im Job durch Rückenschmerzen. Dadurch entstehen hohe Kosten sowohl für die Wirtschaft als auch für das Gesundheitssystem. Mit fast 40 Milliarden Euro, das sind gut 10 Prozent der gesamten Krankheitskosten im Jahr 2015, stehen Muskel- und Skeletterkrankungen an dritter Stelle, ermittelte das Statistische Bundesamt.

Dabei trifft es statistisch primär die Altersgruppe der 50-Jährigen. „Man geht davon aus, dass jeder vierte 15- bis 16-Jährige bereits Rückenschmerzen hat. Dann nehmen die Beschwerden wie bei einer Sinuskurve zu und haben ihren höchsten Punkt um die 50“, erläutert Dr. Martin Marianowicz, Spezialist für Orthopädie und Wirbelsäule in München. Doch das liegt meistens nicht nur an dem degenerativen Alterungsprozess, dem wir alle unterworfen sind. „Rückenschmerzen sind eine Erkrankung, die durch das Aufeinandertreffen von zwei Organen entsteht. Es muss nicht einmal der Rücken sein, aber es ist immer das Gehirn beteiligt. Das Gehirn ist der Empfänger, der Verstärker, der Ausschalthebel, je nachdem, wie das Gehirn es schafft, mit dem Schmerzimpuls umzugehen“, erklärt Dr. Marianowicz.

Freude, Glück, Zufriedenheit, aber auch ein guter Arbeitsplatz können sich dabei positiv auf die Wahrnehmung oder auch Entstehung des Schmerzes auswirken. Stress, Einsamkeit und Depressionen wirken hingegen eher wie ein Verstärker oder Auslöser der Schmerzen. „Bei den meisten Rückenbeschwerden von Patienten, die keinen degenerativen Befund haben, gehen wir von einer falschen Haltung und zum anderen von Verspannungen der Muskulatur aus. In den Verspannungen spiegelt sich auch zum Teil die Seele wider,“ erklärt der Leiter des Zentrums für Diagnose und Therapie in München.

In vielen Fällen ist jedoch ein Bandscheibenvorfall die Ursache. Bei starken Schmerzen ist der Gang zum Arzt unvermeidbar. Nach einem kurzen Gespräch mit dem Orthopäden erfolgt in der Regel ein Röntgen der Wirbelsäule. Oft wird dem Patienten dann zu einer Operation geraten. „Von den ganzen Operationen, die gemacht werden, sind nur ein bis zwei Prozent unvermeidlich. Das sind die, die wirklich einen nervalen Schaden haben. Bei allen anderen 98 Prozent ist die OP nichts anderes als ein mögliches Therapietool“, sagt Dr. Marianowicz und erläutert weiter: „Die Entscheidung trifft der Patient. Wenn ein Arzt sagt, das muss man operieren, dann hat er gelogen. Von den Patienten, die zu uns kommen, um sich eine zweite Meinung einzuholen, wurden 60 Prozent noch nicht einmal beim Arzt ausgezogen. Dann wundert man sich, wenn man die Röntgenbilder therapiert, die oft überhaupt keinen Zusammenhang mit der echten Ursache haben.“

Zudem schlägt eine Rückenoperation im Durchschnitt mit 10 000 Euro bei den Krankenkassen zu Buche. Von den operierten Patienten kommt dann jeder zweite aufgrund von Schmerzen trotzdem in die Therapie zurück. „In unserer Zeit des Mikrochips behandeln wir Rücken immer noch wie zur Zeit der Dampfmaschine. Was wir bei vielen Ärzten bekommen, ist ein vergütungsgetriebenes, völlig veraltetes Problemlösesystem, das die modernen Leitlinien und Therapieformen überhaupt nicht berücksichtigt“, mahnt Dr. Marianowicz an.

Wer aber gar nicht erst oder nicht wieder in die Rückenschmerzfalle tappen möchte, muss vorbeugend handeln. Da gehören ein normales Gewicht, Bewegung, Ernährung, aber auch Schlaf und Entspannung zum gesamten Paket. „Präventiv müssen wir an beiden Organen, Rücken und Gehirn, arbeiten. Zu guter Rückenprävention gehört natürlich, dass man nicht übergewichtig ist und sich viel bewegt. Die gesamte Ernährung der Rückenstrukturen ist abhängig von der Bewegung. Nicht die Menge der Muskulatur, sondern die Funktion und Koordination der funktionierenden Muskulatur ist wichtig. Auch die innere Haltung und die Möglichkeit zu entspannen, das Gehirn zu trainieren, sich mal auszublenden ist ein wichtiger Baustein“, rät der Rückenexperte Dr. Marianowicz.

Fakten

Nach einer Umfrage hatten 75 Prozent der Berufstätigen im vergangenen Jahr mindestens einmal Rückenschmerzen. Zudem stieg die Zahl der stationären Behandlungen aufgrund von Rückenproblemen seit 2007 bis zum Jahr 2016 um 80 Prozent an. Auch bei den Krankschreibungen stehen, laut dem DAK Gesundheitsreport 2018, Rückenprobleme an zweiter Stelle.

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Journalist

Jörg Wernien

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