Weekly News

Unsere Expeditionen haben immer Humor

Paul und Hansen Hoepner sind bekannt für außergewöhnliche Reisen rund um den Globus. Dabei erleben sie lustige, groteske und auch anstrengende Situationen weitab von touristischem Einerlei.

Nach Alaska zu fahren ist schon lange ein Traum von uns.

Ganze 25 Kilometer weit sind die Zwillingsbrüder Paul und Hansen Hoepner am ersten Tag ihrer Radtour gekommen: von Berlin-Kreuzberg bis an den Müggelsee, dann machten sie schlapp. „Jetzt lagen nur noch geplante 13 575 Kilometer vor uns“, lacht Paul, der im Alltag als Web- und App-Konzeptioner arbeitet.

Zwei nach Shanghai – das klingt nach witzigem Filmtitel und jeder Menge Spaß. Den hatten die Zwillingsbrüder auch, nahmen sie die Vorbereitungen zu ihrer Tour doch nicht allzu ernst. Der fünf Minuten früher geborene Hansen hatte die Idee zu dieser Mega-Radtour, die durch sieben Länder, Steppe, Wüste und Hochgebirge führen sollte.

Aufgrund des geringen Budgets verzichteten die in Berlin lebenden Zwillingsbrüder auf teure Funktionskleidung und hochwertige Spezialausrüstung, nur Räder und Schlafsäcke mussten wirklich gut sein. „Wir hatten spezielle Long Distance Bikes aus Stahl, die extrem stabil und somit schwer gebaut sind“, erzählt Paul. „Auf solch einer Tour kann man sich nicht leisten, dass plötzlich das Rad kaputtgeht.“ Im Himalaya besteht auch mitten im Sommer immer die Gefahr, überraschend in einen Schneesturm zu geraten, der einen mehrere Tage lang zum Ausharren im Zelt zwingt. „Deshalb war die zweite teure Anschaffung ein extra kältegeeigneter Schlafsack, in dem man auch noch bei minus 28 Grad überleben kann.“

Der benötigte Strom zum Aufladen der Filmkamera, mit der die Megatour aufgezeichnet wurde, stammte aus Solarzellen, die anhand einer selbstgebauten Konstruktion aus Zeltstangen auf dem Gepäckträger befestigt wurde.


Zählt nicht auch ein richtig guter Sattel zur Grundausrüstung? Ein toller Kocher? Ein Wasserfilter? Spezialreifen, „unplattbarer“ als alle hierzulande als „unplattbar“ angebotenen Schläuche und Mäntel? „Für einen teuren Sattel hatten wir kein Geld“, schmunzelt Paul. „Und ehrlich gesagt tut einem bei täglich 100 bis 160 Kilometern Rad fahren auf jedem Sattel irgendwann der Hintern weh.“ Die Zwillingsbrüder wählten trotz ihrer Größe 26-Zoll-Felgen, weil dafür überall auf der Welt Ersatzteile verkauft werden. Doch Gaskartuschen für einen Campingkocher sind weder in der Weite Kasachstans noch in den Bergen Kirgisiens zu finden. Was es dagegen in Kasachstan in rauen Mengen gibt, sind Kamele. Und deren Ausscheidungen. „Wenn man Rohrzange, Säge, Taschenmesser und Draht dabeihat, ist die Bandbreite der Möglichkeiten ganz enorm“, so Paul. Sein Bruder, gelernter Goldschmied, hob einige der vielen von LKW-Fahrern aus dem Fenster geworfenen Blechdosen auf und baute daraus einen Kocher für Kameldung – eine in Kasachstan nicht unübliche Form der Kochstelle.

Geradeaus, immer geradeaus, Tag für Tag. Manche Tagesstrecken durch Russland und Kasachstan sind für Radfahrer recht öde. Und gefährlich. LKW-Fahrer brettern tonnenschwer und mit nur wenigen Zentimetern Abstand an den Brüdern vorbei. Der Straßenbelag ist rau und übersät von Millionen winziger Splitter, die sich aus den bis auf die Felgen abgefahrenen Reifen der LKW-Fahrer gelöst haben. „Anfangs flickten wir mehrmals täglich. Das haben wir aber irgendwann aufgegeben“, sagt Paul. „Die Löcher im Fahrradschlauch waren einfach zu klein und es waren zu viele. Also haben wir alle zehn Kilometer die Reifen aufgepumpt.“ Zu der an Attraktionen armen Strecke gesellte sich völliges Unverständnis der Bewohner. Wer sein Leben lang bei Wind und Wetter schwerste Arbeit auf einem kargen Feld verrichten muss und ohne die bei uns üblichen Annehmlichkeiten lebt, dem fehlt ein grundsätzliches Verständnis für freiwillige körperliche Anstrengungen. Sport machen? Absurde Idee. Freiwillig Rad fahren? Die müssen krank sein, oder sehr arm. „Einige Leute wollten uns auf ihrem Pick-up mitnehmen. Die wurden richtig böse, als wir ablehnten.“

Doch viele Menschen begegneten den sympathischen und ausgesprochen witzigen Zwillingsbrüdern auch sehr gastfreundlich. Um sich zumindest rudimentär im jeweiligen Land verständigen zu können, hatten sie sich Apps aufs Handy geladen und die wichtigsten Alltagssätze immer wieder angehört und beim Fahren nachgesprochen.

Viele Gebiete, die kaum einer kennt, waren umwerfend schön. Kirgisien mit seinen landschaftlichen Reizen und seiner angenehmen, milden Temperatur, die Taklamakan-Wüste, durch die die sportlichen Brüder schließlich mitten hindurchradelten – weil ihnen die Einreise nach Tibet verwehrt wurde. Der legendäre Himalaya, menschenleerer Sehnsuchtsort mit atemberaubender Kulisse, zwang die beiden bis auf 5200 Meter Höhe. Danach ging es relativ rasch in Richtung Shanghai, schneller und schneller, am Schluss mit Tagesetappen von sagenhaften 270 Kilometern. „Am Ziel unserer Träume haben wir uns als erstes Champagner gekauft und diesen aus alten Blechdosen getrunken“, erinnert sich Paul mit strahlenden Augen. Was hatten sie geschafft! Ein Wahnsinn! Wieder zu Hause sichteten sie glücklich ihr Filmmaterial, das später in einem Dreiteiler von der ARD gezeigt und auch als Buch veröffentlicht wurde. Die Zwillingsbrüder halten zudem häufig Vorträge und zeigen Multivisionsshows zu ihren Touren.

Aber nach der Reise ist vor der Reise. „In 80 Tagen um die Welt – ohne Geld“ wurde das nächste große Projekt. Ohne jeglichen noch so klitzekleinen Notgroschen wollten sie die Welt umrunden. Vorbild Jules Verne hatte im Jahre 1872 immerhin 20 000 Pfund in der Tasche, Paul und Hansen wollten es mit leeren Taschen schaffen. Und es klappte! „Es war wirklich überwältigend, wie viele Leute wir getroffen haben, die uns völlig bedingungslos vertrauten und uns gern halfen – ganz egal, aus welcher Kultur. Da wird man auch mit seinen eigenen Vorurteilen konfrontiert.“ Unterwegs mussten sie ihre im Vorfeld geplante Route mehrmals ändern, schafften die Umrundung dank vieler Hände und Spender aber trotzdem in 104 Tagen. Stern TV zeigte eine siebenteilige Dokumentation ihres Abenteuers.


„Die Erinnerungen an eine Reise sind etwas Wunderbares“, schwärmt Paul. „Die Erinnerung ist nach der Reise das einzige, was man hat, doch man hat sie ein Leben lang. Erinnerungen an unsere beiden großen Reisen erfüllen uns auch mit einem gewissen Stolz und machen Lust auf das nächste Abenteuer.“

Und das ist bereits in Planung: Die nächste Reise soll nach Alaska gehen. Als Maskottchen kommt wieder der Glückspfennig mit, ein Geschenk von Pauls und Hansens Vater. Diese Expedition wird „Zwei im Eis“ heißen – ein nicht ganz so glatter Reim wie bei den vorherigen Reisen, doch der Humor hat auch hier oberste Priorität. Denn dieses Mal geht es nicht per pedes oder Bike auf Tour, sondern mit Urmel. Urmel? War das nicht das süße kleine Dinobaby aus der Augsburger Puppenkiste? „Doch“, lachen Paul und Hansen los. „Urmel aus dem Eis – wir bringen Urmel zurück ins Eis! Und freuen uns wahnsinnig darauf!“

Urmel ist ein selbstgebautes Amphibienfahrzeug, das sich gerade in der Entwicklungsphase befindet. Man tritt das Urmel wie ein Fahrrad, da es aber rechts und links drei große Räder hat, lassen sich damit Unebenheiten und Felsen, Wurzeln und Eisflächen, Geröll und Sandberge überwinden. Außerdem kann das Urmel schwimmen und lässt sich mit wenigen Handgriffen zur Schlafstätte umfunktionieren. So weit der Plan. Wieder dabei: die Kamera. Neu dabei: bestimmt zusätzliche extradicke Handschuhe, Schuhe und Schneeanzüge. Wir freuen uns auf einen weiteren umwerfend schönen Film und ein neues Buch und wollen am liebsten mitkommen – in eines der letzten unberührten und menschenleeren Gebiete unserer Erde.

Fakten

Als sie endlich in Shanghai angekommen waren, tranken Paul und Hansen als erstes eine Flasche Champagner – aus Blechdosen. Sie blieben nur fünf Tage am Ziel ihrer Träume und machten sich dann auf die Rückreise. Doch dieses Mal nicht mehr mit dem Fahrrad sondern durch die Luft mit Flugzeugen.

Teile diesen Artikel

Journalist

Katja Deutsch

Weitere Artikel