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Leider gibt es keinen Motor, der alles kann

Eine gute Infrastruktur und schneller, reibungsloser Warentransport sorgen für volle Geschäfte und glückliche Kunden. Doch das immer höhere Verkehrsaufkommen schädigt Umwelt und Gesundheit. Sind Einfuhrverbote sinnvoll?

Flottenmanager fürchten kein Fahrverbot für Dieselfahrzeuge.

Immer mehr, immer schneller. Gibt es nicht, gibt es nicht – wir alle haben uns daran gewöhnt, sämtliche Konsumbedürfnisse sofort zu befriedigen und können uns leere Supermarktregale kaum noch vorstellen. Die Kehrseite der Medaille zeigt sich in massiver Abgasbelastung in vielen deutschen Städten.

Lange Jahre wurden von Regierungsseite hauptsächlich Versuche unternommen, den CO2-Ausstoß zu minimieren, denn dieser schädigt in elementarer Weise die Umwelt und unser Klima. Ursachen für den viel zu hohen CO2-Ausstoß gibt es viele, Fahrzeuge sind nur eine davon. „Dieselfahrzeuge stoßen weniger CO2 aus als Benzinmotoren und sind somit für die Umwelt weniger schädlich“, erklärt Michael Velte, Vorstandsvorsitzender des Verbandes der markenunabhängigen Fuhrparkmanagementgesellschaften (VMF). Das dürfte vielleicht der Grund sein, weshalb Dieseltreibstoff in Deutschland nach wie vor subventioniert wird, denn eine wirklich logische Erklärung für diese Subvention gibt es nicht.

„Für die Gesundheit der Menschen allerdings ist eher der Ausstoß von Stickoxid schädlich, und hier verhält sich der Benzinmotor besser“, so der Experte. Atemerkrankungen, Herzerkrankungen und sogar Diabetes lassen sich der zu hohen Stickoxidbelastung zuordnen, und deshalb wird über mögliche Einfuhrverbote von Dieselfahrzeugen diskutiert. Täglich neue Details zeigen das erschreckende Ausmaß des Betrugs am Auspuff und der gefährlichen Luftverschmutzung. Einfuhrverbote sollen in 10 bis 15 deutschen Städten zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Straßen gelten, wenn an diesen gemessenen Punkten die NOx-Belastung zu hoch ist. „Dazu existieren seit langem europaweit Vorschriften zum Schutz der Menschen“, so Michael Velte.

Die größeren gewerblichen Fahrzeugflotten in Deutschland bestehen zu nahezu 90 Prozent aus Dieselfahrzeugen, 70 Prozent davon fallen unter die emissionsstarke Abgasnorm E03, E04 und E05, die mindestens 180 Milligramm Stickoxide pro gefahrenem Kilometer ausstoßen.

„Firmenkunden unterscheiden nach einem sehr einfachen Kriterium: Wie hoch sind Leasingrate und Betriebskosten für ein bestimmtes Fahrzeug einer bestimmten Kategorie? Denn 90 Prozent aller größeren Firmenflotten in Deutschland rollen mit geleasten Fahrzeugen über Autobahnen und durch Innenstädte, und hier ist die Dieseltechnologie die mit Abstand wirtschaftlichste Variante“, so Michael Velte. Nach der üblicherweise 36-monatigen Laufzeit werden die Fahrzeuge an die Leasinggesellschaft zurückgegeben und gegen ein neues Fahrzeug getauscht. „Im Firmenfuhrpark fährt ein Fahrzeug etwa 30 000 bis 40 000 Kilometer pro Jahr. Der Otto-Motor des Benzinfahrzeuges ist in Leasingrate und Betriebskosten um etwa 15 Prozent teurer als ein Diesel, das entsprechende Hybridfahrzeug bei vergleichbarer Leistung ist ebenfalls teurer. Am teuersten ist Elektromobilität. Dabei ist der Elektromotor am besten für die Umwelt und auch am besten für den Menschen – nur ist er leider noch unwirtschaftlich. Außerdem gibt es über die tatsächliche komplette Umweltbilanz solcher Fahrzeuge sehr unterschiedliche Auffassungen.“

Für Großunternehmen läuft also alles wie gehabt: Sie lassen ihre Fahrzeuge bis zum Ende der Leasingzeit im Einsatz und tauschen sie dann gegen Fahrzeuge der Abgasnorm E06, die als Zielwert nur noch maximal 80 mg Stickoxide pro gefahrenem Kilometer ausstoßen.

 Doch wie sieht es mit Handwerksbetrieben aus, die mit ihren zwei oder drei Fahrzeugen schnell von einem innerstädtischen Fahrverbot betroffen sein könnten? „Ein Fahrverbot ist erst dann eine sinnvolle Maßnahme, wenn sämtliche anderen Maßnahmen schon ausgeschöpft sind“, so der Experte. „Ich plädiere im innerstädtischen Bereich für subventionierte E-Mobilität: Viele Städte sind schon in ernsthaften Überlegungen, ihren eigenen Fuhrpark und ihre Busse nach und nach auf Elektromobile umzustellen. Handwerksbetrieben sollte die Möglichkeit gegeben werden, subventionierte E-Fahrzeuge anzuschaffen.“ Denn viele Handwerker legen oft nicht mehr als 100 Kilometer am Tag zurück. Das ist mit einem E-Fahrzeug problemlos machbar, selbst bei starker Hitze oder Kälte, die die Akkulaufzeit etwas verringern können.

Von einem temporären Einfuhrverbot wären nach jetzigem Stand alle Fahrzeuge betroffen, die nicht die EU-Abgasnorm Euro 06 besitzen. Bei der E05-Norm von Dieselfahrzeugen mit Katalysatoren besteht die Möglichkeit einer technischen Umrüstung von Software und Hardware, um den geänderten Vorgaben zu entsprechen.

Doch diese Umrüstung ist nicht umsonst: Laut einer Recherche von Spiegel online würden sich die Kosten dazu auf 5 bis 15 Milliarden Euro beziffern, was Kosten von 1500 bis 1800 Euro pro Fahrzeug entspricht. Diesen Betrag veranschlagt auch Michael Velte. „Ein denkbares Modell der Finanzierung wären Steuervergünstigungen für alle, die nachrüsten. Möglich wäre auch eine Kombination mit Eigenanteil. Hersteller und Regierung werden wohl etwas beisteuern, man könnte über Steuervergünstigungen und Rückvergütung nachdenken.“

Dass weniger Warenverkehr und damit weniger Fahrzeuge keine Lösung sind, scheint klar. Dass für das Problem der hohen Abgasbelastung schnellstmöglich eine wirkungsvolle Lösung gefunden werden muss, ist erst recht klar.

Fakten

In Deutschland sind etwa 15 Millionen Dieselfahrzeuge unterwegs.

Seit 1994 gibt es in Deutschland unterschiedliche Steuern für Benzin und Dieselkraftstoff: Auf Diesel werden 56 Cent brutto pro Liter fällig, auf Benzin 78 Cent. Dem Staat entgehen dadurch jährlich etwa 9,5 Milliarden Euro.

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Journalist

Katja Deutsch

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