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Ulrich Dietz, Vizepräsident des Verbandes bitkom GESELLSCHAFT

Wir lernen Industrie 4.0 – Wie geht das?

Fast Vollbeschäftigung in Deutschland, das Land auf Weg in das digitale Zeitalter, aber kaum einer denkt an den Nachwuchs und eine zielgerichtete Ausbildung der Kinder und Jugendlichen.

Der VDI, der Verein Deutscher Ingenieure, meldet neue Rekordzahlen. 81 340 Stellen waren im dritten Quartal 2017 nicht besetzt. Was für die Arbeitssuchenden wie ein Paradies wirkt, zeigt bei den Betrieben die ersten Auswirkungen. Es wird immer schwieriger, den Bedarf zu decken, gut ausgebildete Kräfte fehlen an jeder Ecke. Ein Grund, einmal über eine mögliche Reform der Ausbildung nachzudenken. Wir haben mit dem Vizepräsidenten des Bundesverbandes Informationswirtschaft und Kommunikation, kurz Bitkom, Ulrich Dietz, über moderne Lernmethoden und die Ansprüche an die Ausbildung gesprochen.

Herr Dietz, Lernkultur heute und in vier Jahren – was wird sich verändern?

Unsere Lernkultur ist noch viel zu sehr im Gestern verhaftet: sowohl bei den Lerninhalten als auch der Vermittlung von Themen und Inhalten. Das Bildungssystem konzentriert sich zu stark darauf, im Schulalter große Mengen an Wissen zu vermitteln. Wir brauchen IT-gestützte Lernkonzepte, mit denen sich die Schüler Wissen und Kompetenzen selbst aneignen können. Zudem sollte das Lernen in Gruppen gefördert werden. Im Berufsleben ist Knowledge-Sharing und das Arbeiten in virtuellen Teams wichtiger denn je. Damit sollte man in den Schulen beginnen.

Welche Änderungen werden besonders drastisch sein?

Digitale Medien sind schon heute selbstverständlicher Teil unseres Alltags und werden unsere Lernkultur tiefgreifend verändern. Digitale Formate ermöglichen es, zu jeder Zeit und an jedem Ort zu lernen. Digitale Lernformate lassen sich viel einfacher in den Alltag integrieren – etwa auf Bahnfahrten, im Wartezimmer oder an der Bushaltestelle.

Wo sehen Sie den größten Bedarf in der Anpassung – bei den Lehrplänen in der Schule, den Studiengängen an der Uni oder in einem ganz neuen Modell?

Die Vermittlung von IT-Kompetenzen spielt in den Schulen eine stark untergeordnete Rolle, das kann nicht sein. Es gibt unzählige Möglichkeiten, Kinder und Jugendliche für die Informatik zu begeistern und spielerisch an das Programmieren heranzuführen. Unsere Schulen müssen flächendeckend zu Smart Schools werden – mit digitalen Infrastrukturen, digitalen Curricula und digitalkompetenten Lehrern. Studiengänge sollten stärker praxisorientiert ausgerichtet und die Zusammenarbeit der Hochschulen mit der Wirtschaft intensiviert werden, um dem Fachkräftebedarf der Unternehmen gerecht zu werden.

Wie stellen sich die Unternehmen darauf ein – Reform der Berufsschule und der Ausbildung im Betrieb der Azubis?

Alle Berufe wandeln sich, viele werden verschwinden, neue entstehen. Wir müssen identifizieren, welche Berufe eine Zukunft haben – und welche nicht. Durch die Digitalisierung der Wirtschaft und der Dienstleistungen entstehen neue attraktive und gut bezahlte Berufe, etwa im Maschinenbau oder im Bereich der IT-Dienstleistungen. Hierfür müssen wir junge Leute begeistern. Gleichzeitig muss der Erwerb von IT-Kompetenzen im Ausbildungsplan fest verankert sein. Generell sollte sich das Ausbildungssystem flexibler an den sich schnell ändernden Bedarf der Wirtschaft anpassen.

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Journalist

Jörg Wernien

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