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In 18 Jahren um die Welt

Candelaria und Hermann Zapp leben ihren ganz eigenen Traum vom Reisen: Seit dem Jahr 2000 fahren sie mit einem Oldtimer über alle Kontinente. Mittlerweile mit vier Kindern.

Für Kleidung brauchen wir recht wenig Platz – alles passt in gerade mal zwei Reisetaschen! Denn wir reisen am liebsten in warme Länder!

Noch ist die Bay von San Francisco in diesigen, morgendlichen Nebel getaucht. „Doch der wird bald verschwinden“, sagt Herman Zapp gutgelaunt. „Wir sind gerade in einem fantastischen Haus und haben einen Traumblick auf die Bucht. Es gehört einer Frau, die wir in Venezuela kennen gelernt haben.“ Sie war auf den großen, dunkelblauen Oldtimer, einen Graham-Paige aus dem Jahre 1928, mit den sechs Insassen aufmerksam geworden. Die Dame sprach sie an und lud sie in ihr Haus ein, für den Fall, dass die Familie demnächst einmal in Kalifornien aufschlagen wollte. Und da ist sie nun tatsächlich und fühlt sich pudelwohl.

Herman Zapp, dessen Vater einst aus Deutschland nach Argentinien auswanderte, wollte schon immer reisen, genauso wie seine Frau Candelaria. Als sich die beiden kennenlernten, war sie acht Jahre alt und er zehn, sechs Jahre später wurden sie ein Paar. „Wir hatten diesen Traum, einfach zu reisen. Doch wir haben ihn immer wieder verschoben, denn nach der Schule kam der Job, dann das Haus, dann wollten wir Kinder. Und dann war klar: Wenn wir die jetzt bekommen, werden wir unseren Traum niemals leben können.“ Deshalb kreuzte sich das Paar einen Termin im Kalender an und fuhr an diesem los – in Richtung Alaska.

„Man fühlt sich immer zu schlecht vorbereitet“, behauptet Herman. „Doch so viel Vorbereitung braucht man gar nicht. Viele Weltreisende bereiten sich überhaupt nicht vor, segeln um die Welt, ohne jemals vorher gesegelt zu sein.“ Weder Herman noch Candelaria haben sich deshalb mit einem Mechaniker getroffen, um zumindest Kfz-Grundkenntnisse zu erlernen, sie setzten sich einfach in den Oldtimer und fuhren los, ihren Traum zu leben. Bereits nach sechs Monaten ging ihnen in Ecuador mitten im Dschungel das Geld aus. Doch wenn man einen echten Traum hat, lässt man sich nicht so leicht von ein paar Geldsorgen irritieren.


„Dass uns das Geld ausging, war ganz wunderbar! Denn so wurden wir erfinderisch – ich begann zu schreiben und meine Frau zu malen. Und die Menschen waren sehr freundlich und hilfsbereit – genau das Gegenteil von dem, was unsere Familie und Freunde in Argentinien befürchtet hatten. Niemand hat uns je überfallen, ausgeraubt oder sonst wie schlecht behandelt.“ So reisten die beiden weiter, durch Südamerika, Nordamerika, über die Weltmeere – immer in ihrem Oldtimer. Als verliebtes Paar fremde Länder zu entdecken, kann ganz großartig sein, aber schwanger Auto fahren, fast jeden Tag, monatelang? Die Übelkeit, das lange Sitzen, die ständigen Erschütterungen beim Fahren? „Ach, ich war total entspannt“, schwärmt Candelaria. „Ich habe alles so genossen, hatte keinen Stress im Job, musste mich nicht um ein Haus kümmern. Denn wir wollten ja unseren Traum leben!“

Und der sollte einfach nicht zu Ende gehen, denn es gab ja noch so viel zu sehen! Sie fuhren und fuhren, nicht jeden Tag, verließen aber spätestens nach vier Tagen ihren Standort und fanden neue Plätze mit unglaublich netten Menschen. Und bekamen Kinder, die allesamt nach dem Ort ihrer Geburt heißen: Pampa, der älteste Sohn, ist mittlerweile 15, Paloma zehn, Tehue und Wallaby im Grundschulalter. Die hübsche, langhaarige Argentinierin und ihr fröhlicher Mann erweiterten deshalb ihr Auto, indem sie eine zweite Rückbank einbauten. So hatten sie mehr Platz – für Kinder, nicht für Dinge. Doch auch wenn man oft spontan von wildfremden Menschen eingeladen wird, kann man sich nie sicher sein, dass sich auch wirklich überall verlässlich Fremde finden, die Platz für sechs unbekannte Gäste haben. Was dann? Wo schlafen, wie kochen?

„Die Kinder passen auf das Dach, und Herman und ich schlafen im Zelt. Das Kochen ist gar kein Problem: Wir können im Auto kochen und haben einen zusätzlichen Gaskocher. Die Küchenutensilien brauchen fast den ganzen Platz in unserem Kofferraum“, lacht Candelaria. „Für Kleidung brauchen wir dagegen recht wenig Platz – alles passt in gerade mal zwei Reisetaschen! Denn wir reisen am liebsten in warme Länder und da braucht man nicht so viele Sachen!“ Für die Abstecher nach Alaska wurde Second-Hand-Kleidung gekauft, die danach bei einer Freundin in Spanien zwischengelagert wird.


Dass bei sechs Personen in einem Auto absolut nichts Überflüssiges mitgeschleppt wird, scheint klar. Oder doch nicht? Candelaria überlegt eine Weile und dann meint sie: „Doch, eine Sache ist immer dabei, obwohl wir sie nicht ‚brauchen‘, da wir sie nicht benutzen wie all unsere anderen Dinge: ein kleiner Engel, der im Fenster hängt. Pampa hat ihn zur Geburt geschenkt bekommen. Der Engel ist sozusagen unser Talisman. Außerdem fährt immer die hölzerne Meerkatze aus Namibia mit!“

Jungs brauchen oft nicht mehr als einen Ball zu ihrem Glück, bei Mädchen sieht es schon anders aus. Hat Paloma Spielsachen? Die Zehnjährige wird ans Telefon geholt und erzählt fröhlich in fließendem Englisch von ihren Barbiepuppen und ihrem Lieblingsteddy und ihrem Kuscheltierhasen. Die Kinder haben – neben Bällen! – Skateboards, Rollschuhe und auch ein Tablet dabei.

Wie lernen die vier Kinder ohne festen Wohnsitz? „Ich unterrichte alle Kinder selbst“, erklärt die vierfache Mutter. „Sie erhalten zudem Onlineunterricht, für den sie das Tablet brauchen und müssen alle zwei Monate einen Test schreiben.“ Vielleicht bleibt dabei das eine oder andere des üblichen Schulunterrichts auf der Strecke, was die vier um die Welt reisenden Kinder jedoch lernen, ist eine unbezahlbare Erfahrung fürs ganze Leben. „Sie lernen zum Beispiel sehr viel über Religionen, denn wir waren schon bei Hindus, Buddhisten, Christen, Muslimen und Juden eingeladen und haben aus erster Hand sehr viel über ihre jeweilige Religion erfahren“, erzählt die strahlende, lebenslustige Mutter. Und vieles, was andere Kinder aus Büchern auswendig lernen müssen, haben unsere aus nächster Nähe gesehen, die Pyramiden genauso wie den höchsten Berg der Welt, denn eine Unterrichtsstunde habe ich dort, vor dem Mount Everest, gegeben. Wir sind durch Afrika gefahren und haben Elefanten und Giraffen in die Augen geblickt, wir waren im Dschungel und in der Wüste, haben das ewige Eis gesehen und sind durch China gereist.“


Candelaria schwärmt von Afrika, dem angenehmsten Kontinent überhaupt, wo man einfach machen könne, wonach einem der Sinn steht. Probleme mit Visa oder monetären Erpressungsversuchen an Grenzübergängen hat die Familie niemals erlebt. „Wir haben uns vor der Reise geschworen, niemals auch nur einen Cent ‚unter dem Tisch‘ zu bezahlen. Und niemand hat es jemals versucht!“ Trotzdem musste die Familie ihre ursprüngliche Reiseroute immer wieder wegen militärischer Konflikte ändern und teilweise ziemliche Umwege in Kauf nehmen. Durch Syrien oder Afghanistan zu reisen, ist bei allem Optimismus dann doch keine gute Idee.

Um von einem Kontinent zum anderen zu gelangen, spricht die Familie Reedereien an. Um die Bücher zu verkaufen, organisieren die Weltreisenden Lesungen in Büchereien. All das ist recht aufwändig und dabei gerade für die Kinder eine wesentliche Erfahrung, denn so lernen sie von der Pike auf, wie man Akquise und Fundraising betreibt.

Kann man es nach 18 Jahren on the Road überhaupt aushalten, sich niederzulassen? Vor drei Jahren schon verkündete Herman, dass die Familie demnächst wieder sesshaft würde, dann nämlich, wenn Pampa ins Teenageralter käme. Vor zwei Jahren hörte man dasselbe, und letztes Jahr sollte es ganz sicher bald zu Ende sein. „Jetzt geht es erst einmal nach Europa – mit einer deutschen Reederei!“, freut sich Herman. „Wir sind total glücklich, dass Avontuur uns mitnimmt. Nach Argentinien zurückkehren möchten wir dann nächstes Jahr, ganz sicher!“

Fakten

Ein Auto, sechs Personen, 88 Länder und mittlerweile rund 350 000 zurückgelegte Kilometer – das ergibt Einladungen in über 2500 Häuser auf der ganzen Welt und keine Lust, jemals damit aufzuhören. Wollen sie aber doch. Um nächstes Jahr im Norden Argentiniens eine eigene Stadt zu gründen: Die Stadt der Träume.

Mehr Erlebnisse der 18 Jahre dauernden Reise der Zapps kann man in dem Buch „Spark Your Dream“ von Candelaria und Herman Zapp und auf der Facebook-Seite der Familie lesen und in diesem Video:


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Journalist

Katja Deutsch

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