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Die neue Nachhaltigkeit der Landwirtschaft

Selten hat ein heißer und trockener Sommer so große Auswirkungen auf die Landwirtschaft gehabt: Ernteausfälle, Noternten und verdorrte Felder. Muss sich die Landwirtschaft neu erfinden? 

Bauer Johann Ramcke aus Pinneberg-Waldenau betreibt einen Pferdehof. Normalerweise kann er dreimal im Jahr die Wiesen mähen und so das Heu für die Pferde im Stall selbst herstellen. In diesem Sommer konnte er einmal mähen, dann kam die Hitze. Monate ohne Regen haben die Weiden braun werden lassen, für den Winter wird er das Heu und die Silage teuer einkaufen müssen. Kein Einzelfall, wie Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes, sagt. „Die letztendlich niedrige Erntemenge hat unsere anfänglichen Befürchtungen mehr als bestätigt. Wir hatten in weiten Teilen Deutschlands eine miserable Getreideernte. Dazu kommen starke Ausfälle bei den Herbstkulturen wie Zuckerrüben, Mais und Kartoffeln. In einigen Regionen haben wir Ertragsverluste zwischen 50 und 70 Prozent bis hin zu Totalausfällen. Besonders betroffen sind die ostdeutschen Bundesländer und der Norden. Hinzu kommt, dass aufgrund der langen Trockenheit das Grundfutter für die Tiere knapp wird. In vielen Regionen konnte nur der erste Grasschnitt eingebracht werden, der zweite und dritte fiel häufig komplett aus. Marktexperten beziffern die Ausfälle beim Grünland regional auf bis zu 75 Prozent. Infolge dessen verfüttern die Milchviehhalter bereits ihre Wintervorräte und müssen Futter zu hohen Preisen zukaufen.“

Durch das extreme Klima fordern inzwischen viele Politiker einen grundlegenden Wandel in der Landwirtschaft. Weg von der extensiven Nutzung der Böden, weg von Monokulturen und Überdüngung. Nachhaltig ist das Gebot der Stunde – das haben auch die Landwirte erkannt. „Landwirtschaft ist unmittelbar vom Klimawandel betroffen und hat aufgrund ihrer Rolle bei der Ernährungssicherung einen besonderen Stellenwert. Wir sind Hauptbetroffene und Emittent, zugleich aber auch Teil der Lösung. Zunächst muss aber gelten: Dort, wo Betriebe durch Wetterextreme in Existenznot geraten, muss schnell geholfen werden Die deutsche Landwirtschaft befindet sich seit Jahren in einem Veränderungsprozess hin zu mehr Nachhaltigkeit. Wir setzen auf eine schonende Bodenbearbeitung und wassersparende Anbauverfahren wie z. B. Mulchsaat, auf vielfältige Fruchtfolgen und Zwischenfrüchte, und wir werden bei der Düngung noch präziser werden. Diese Veränderungsziele hat der Deutsche Bauernverband in diesem Jahr zudem in Form einer ‚Ackerbaustrategie‘ zusammengefasst. Zum anderen brauchen wir aber auch neue Züchtungsmethoden, um trockenheits- und hitzetolerante Pflanzensorten zügiger zu erhalten“, erklärt der Präsident des Deutschen Bauernverbandes.

Die Bauern und Landwirte sind in einer gefährlichen Zwickmühle. Einerseits sollen sie ihre Betriebe in die Digitalisierung führen, sie fit und modern für die Zukunft machen. Auf der anderen Seite haben sie, nicht nur in diesem Jahr, mit immer mehr Wetterextremen zu kämpfen: Starkregen und Hagel, plötzliche Kälteeinbrüche und lange Hitzeperioden. „Kaum eine Branche ist so abhängig vom Wetter wie die Landwirtschaft. Daher müssen wir uns zukünftig noch besser auf extreme Wetterereignisse einstellen, die zweifellos zugenommen haben. Außerdem werden wir die Landwirtschaft noch nachhaltiger gestalten. Der Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln wird weiter optimiert, da diese noch präziser ausgebracht werden können. Die Digitalisierung spielt dabei eine große Rolle. Und wir werden beim Tierwohl deutliche Fortschritte machen, beispielsweise durch eine Haltungs- und Herkunftskennzeichnung für Schweinefleisch, die der Deutsche Bauernverband fordert. Wir waren es auch, die gemeinsam mit dem Lebensmitteleinzelhandel die „Initiative Tierwohl“ gestartet haben“, sagt Rukwied.

Die Möglichkeiten der Landwirte, neue Techniken gegen die Unbeständigkeit des Wetters einzusetzen, sind gering. Die Digitalisierung erleichtert die Arbeit, macht sie effizienter und produktiver. Die neuen Techniken sind auf immer mehr Höfen bereits im Einsatz. „Viele Höfe sind bereits mit digitalem High-Tech ausgestattet. So arbeiten sie effizienter und nachhaltiger – und damit ressourcen- und klimaschonender. ‚Digital Farming‘ und ‚Precision Farming‘ sind die Schlagworte, die die moderne Landwirtschaft derzeit beschreiben“, erklärt Joachim Rukwied den Ist-Zustand der deutschen Bauern.

Aber auch der beste Computer, die schnellste Vorhersage und die intelligentesten Maschinen können nicht solche Wetterextreme wie in den letzten Monaten ausgleichen oder verhindern. Der Landwirt ist und war schon immer abhängig von der Natur. Und daran wird sich auch so schnell nichts ändern.

Fakten

Am 11. September war der Bundesweiteaktionstag „Ernte 2018“. Die Bauern wollten mit den Verbrauchern ins Gespräch kommen. Die Landwirte ziehen in die Stadt um mit aktuellen Themen über die Landwirtschaft zu diskutieren.

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Journalist

Jörg Wernien

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