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Der Einzelhandel erfährt aktuell stärker denn je, welche große Säule E-Commerce darstellt. DIGITALISIERUNG

Es ist Zeit, den E-Commerce ernst zu nehmen!

Im Jahr 2020 hat sich der Onlinehandel als Garant für die Versorgung mit Gütern aller Art in Zeiten des Shutdowns erwiesen. Doch noch immer verschließen sich viele Kommunen der Realität, dass Innenstadt künftig anders aussehen wird. Forderungen nach Sparten-Besteuerung und Sonderabgaben zur Erhaltung von überkommenen Einzelhandelsstrukturen sind der falsche Weg, meint Gero Furchheim, Sprecher der Cairo AG und Präsident des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel e.V.

Der E-Commerce als Grundversorger ist präsenter als je zuvor.

Gero Furchheim, Präsident des Bundesverbandes E-Commerce und Versandhandel (Bevh), Foto: Michael Gueth

Hand aufs Herz: Haben Sie zu irgendeinem Zeitpunkt im Corona-Jahr 2020 befürchten müssen, dass sie in Deutschland kaputte Haushaltsgegenstände oder Kleidungsstücke nicht mehr ersetzen können? Oder dass sie kein frisches Obst, keine Milch, kein Gemüse oder andere frische Waren, von Konserven ganz abgesehen, erhalten würden? Selbst für Toilettenpapier, Nudeln und Trockenhefe gab es keine nachhaltigen Engpässe.

Es gab Einschränkungen im stationären Handel und manche Pirouette auf der Nachfrageseite. Aber der E-Commerce als Grundversorger ist präsenter als je zuvor und die Infrastruktur des E-Commerce und seiner Zustellpartner hat sich als so robust erwiesen, dass sprunghaft gestiegene Nachfrage ab dem zweiten Quartal nicht zu Engpässen in der Belieferung geführt hat. Nicht zuletzt haben viele Unternehmer in Handel und Dienstleistung die digitalen Kanäle als einen Weg entdeckt und für sich entwickelt, um ihre Kunden weiter zu bedienen.

Was sich hingegen nicht verändern will, ist der Blick zahlreicher Verantwortungsträger in Politik und Gesellschaft auf die Funktion der Innenstadt. Nur so ist zu erklären, dass sie reflexartig von denjenigen, die im E-Commerce bis jenseits des Anschlags an der Versorgung der Bevölkerung gearbeitet haben, nun Sonderabgaben fordern, um damit die Innenstädte zu erhalten. Damit verschleiern sie ein Vierteljahrhundert Untätigkeit, um den Strukturwandel anzupacken.

Die Kauffrequenz in Klein- und Mittelstädten oder in Außenbezirken von Metropolen hat durch demographische Veränderungen, Berufsmobilität und den Boom der Einkaufszentren massiv gelitten. Gerade die Digitalisierung bringt nun Leben zurück in moderne Shopkonzepte mit E-Commerceeinbindung – aber nicht in den angestaubten Laden der Vergangenheit. E-Commerce garantiert heute, dass die Menschen auch auf dem Land gleichwertig leben können. Und sogar besser, denn auch in ländlicher Idylle erhalten sie über E-Commerce Zugang zum breitesten Angebot und haben mehr Auswahl als in jeder Innenstadt.

Nun will man erklärtermaßen nicht die selbständigen Einzelhändler mit Steuern und Abgaben belasten, die sich gerade erst digital auf den Weg machen. Es gehe um Großunternehmen, die keinen vergleichbaren Beitrag zum Erhalt der Innenstädte leisteten. Aber auch diese Argumentation irrt. Denn das starke Wachstum der Online-Marktplätze jeglicher Herkunft – nicht nur globaler Giganten – zeigt, dass heute die Nachfrage solcher Unternehmen zwar an einer Stelle verwaltet, aber breit in die Fläche zurückgebracht wird. Hin zu Unter-nehmen, die dann wieder in der Region Arbeitsplätze schaffen und Steuern zahlen. Player im E-Commerce gibt es breit verteilt in Deutschland, in Stadt und Land.

Den Wandel der Innenstädte würden neue Steuern nicht aufhalten, dafür aber einen neuen Hemmschuh für Innovation und Zukunftsfähigkeit bilden. Den Städten fehlt es an einem Modell der digitalen Bürgerschaft: Der Bereitschaft, Stadt als durchgängig digital und physisch zu verschränken. Erlebnisräume statt Einkaufsmeilen, Service statt Regalmeter voll austauschbarer Handelsware. Was sich digital erledigen und beschaffen lässt – sogar Gesundheitsleistungen und gerade auch Verwaltungsakte – verschafft dem Bürger und den Kommunen Zeit und Raum für wertvollere Aktivitäten. Die Infrastruktur dafür akzeptiert die Belieferung als Normalfall und raunt nicht von „Verkehrsinfarkt durch Zustellfahrzeuge“. Die Lieferungen aus dem Onlinehandel stehen trotz allen Wachstums nur für ein bis zwei Prozent aller Verkehrsbewegungen in den Ballungsräumen.

In diesem Jahr hat der Parfümerie-Händler Douglas, eine Ikone des deutschen Handels, mutig erklärt, künftig als Onlinehändler mit Filialen zu agieren. Und das in einem Sortiment, das wie kaum ein Zweites vom Erlebnis lebt. In meinem Unternehmen, das online, mit Designkatalogen und in Ladengeschäften Möbel verkauft, gilt das ähnlich.

Ich wünsche mir von den deutschen Einzelhändlern und von den Städten und Gemeinden genau diesen Mut: E-Commerce ist die größte Chance, um Innenstädte lebendig zu erhalten. Nicht als Goldesel, den man schröpfen müsste, sondern als Innovator und Motor für neuen Handel!

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Journalist

Gero Furchheim

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