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Anhand verschiedener Modelle können Start-ups von Mittelständlern lernen – und andersherum. UNTERNEHMERTUM

Exit vom Exit

„Nach mehreren erfolgreichen Start-up-Ausstiegen kann man auch mittelständische Geschäftsmodelle schätzen lernen“, sagt Nick Martin Willer vom BVMW.

Wir haben in  Deutschland sehr viele erfolgreiche Mittelstands-unternehmen, bis hin zu den sogenannten Hidden Champions.

Nick Martin Willer, BVMW; Foto: Presse

Herr Willer, sind der Mittelstand und die Start-ups eigentlich noch zwei getrennte Welten?

Von getrennten Welten würde ich nicht sprechen. Es ist eher eine Frage der Unternehmenskultur und des unternehmerischen Grundansatzes. Für erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Mittelständlern und Start-ups gibt es ja inzwischen viele Beispiele. Die Mittelständler profitieren von der Innovationskraft der Start-ups, und die Start-ups nutzen die gewachsenen Strukturen und die Erfahrungen der Mittelständler. Voraussetzung für den Erfolg ist gegenseitiger Respekt für die jeweiligen Qualitäten und die Offenheit, sich auch auf die Andersartigkeit einzulassen.

Profitieren Mittelständler von der Zusammenarbeit?

Selbstverständlich. Es gibt sogar Modelle, in denen Start-up-Teams als Innovationstreiber in mittelständischen Unternehmen eingesetzt werden und so-gar unternehmensintern für ihr nächstes Budget pitchen, ähnlich wie bei neuen Finanzierungsrunden.

Worin könnte der Lerneffekt liegen?

Mittelständler können von Start-ups lernen, dass auch sie heute zunehmend disruptiver denken müssen. Wer sich nur auf das bisher übliche Maß an moderater Veränderung einstellt, kann schnell abgehängt werden. Wer dagegen auch mögliche radikale Veränderungen im Blick hat, kann frühzeitig reagieren und mit den entsprechenden Anpassungen seine Position am Markt behaupten oder sogar ausbauen. 

Und umgekehrt? 

Ein mittelständisches Geschäftsmodell bietet natürlich auch Vorteile. Der stell-vertretende Vorsitzende unserer Kommission, Florian Eismann, ist erfolgreicher Mehrfachgründer mit Exit-Erfahrung. Aus seiner Erfahrung limitiert die kurzfristige und gleichzeitig ressourcenintensive Fokussierung auf Finanzierungsrunden zumeist die Möglichkeit, grundlegende Innovation langfristig voranzubringen. Daher verfolgt Florian mit den „Digital Seals“ nun ein nachhaltig angelegtes Unternehmen, indem er gemeinsam mit Mittelständlern neue innovative Geschäftsmodelle entwickelt und in Software umsetzt. So kann Start-up-Erfahrung in den Mittelstand einfließen und nachhaltig Erfolg erzielen.  

Worin sehen Sie den Grund für das Hinterherhinken des Mittelstandes bei der Digitalisierung? 

Wir haben in Deutschland sehr viele erfolgreiche Mittelstandsunternehmen, bis hin zu den sogenannten Hidden Champions. Deren Geschäftsmodelle liefen lange gut, und daher sahen viele keine Notwendigkeit, etwas grundlegend zu ändern. Manche dieser Unternehmen muss man heute aber als gefährdete Art ansehen. Inzwischen sind viele aufgewacht, wenn auch teilweise sehr spät. Die Unternehmen, die schon früher vorausschauend waren und die digitale Transformation aktiv angegangen sind, haben jetzt klare Vorteile. Aber auch die politischen Rahmenbedingungen bei uns spielen da eine große Rolle.

Inwiefern?

In anderen Ländern sind die Breitbandnetze viel weiter entwickelt und auch verbreitet. Daran gemessen sind wir eher ein Entwicklungsland. Auch im Bereich mobile Netze sind wir gerade einmal Durchschnitt. Es bedarf eines deutlich höheren Einsatzes, was die Förderung der Digitalisierungsmaßnahmen angeht. Wir haben uns als Verband sehr dafür eingesetzt. Die Einrichtung der Mittelstand 4.0 Kompetenzzentren zusammen mit dem Bundeswirtschaftsministerium ist dabei sicher ein Meilenstein.

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Journalist

Armin Fuhrer

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