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Digitalisierung in deutschen Kliniken – Fehlanzeige

Die Digitalisierung der Deutschen Krankenhäuser verläuft noch schleppend. Andere Länder in Europa und Übersee sind da schon viel weiter.

Bis zum Jahr 2021 soll jeder Versicherte elektronische Medikationspläne nutzen und einen Notfalldatensatz haben. 

Das Uniklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel, jahrelang eine der größten Klinikbaustellen in Europa, wurde nach vier Jahren Bauzeit eröffnet. Damit startet die Medizin in Kiel in die digitale Zukunft. Hier wurde verwirklicht, wovon andere Krankenhäuser noch träumen. Patienten können digital selbst ein- checken, ein Infotainmentsystem mit einem Tablett-PC gibt es für jedes Bett, eine interdisziplinäre Notaufnahme kanalisiert die Patienten. Der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Daniel Günther, freut sich – damit spielt Kiel in der Champions League der Krankenhäuser.

Kiel ist Leuchtturm und Vorreiter, doch sonst sieht es trübe aus in der deutschen Krankenhauslandschaft. Nach Umfrage der Unternehmensberatung Sopra Steria ist jeder Zweite unzufrieden mit dem digitalen Fortschritt im Gesundheitswesen und sogar jede Dritte stuft die Krankenhäuser in Deutschland als digital rückständig ein. Jens Spahn, der Bundesgesundheitsminister, drückt aufs Tempo und sieht erheblichen Handlungsbedarf. Ein Expertenteam soll dafür sorgen, dass die Innovationen schneller im Alltag der Patienten ankommen. Bis zum Jahr 2021 soll jeder Versicherte elektronische Medikationspläne nutzen und einen Notfalldatensatz haben. Diese Daten werden dann in der elektronischen Patientenakte gespeichert. Eine flächendeckende Telematik-Infrastruktur soll dann Ärzten und Kliniken zur Verfügung stehen. „Das komplexe Gesundheitssystem in Deutschland mit rund 2.000 Krankenhäusern, 118 gesetzlichen Krankenkassen, zirka 20.000 Apotheken, mehr als 200.000 Haus- und Fachärzten sowie Therapeuten und die 82 Millionen potenziellen Patienten digital optimal zu verbinden, ist keine leichte Aufgabe“, sagt Ronald de Jonge, Leiter Management Consulting Public Sector von Sopra Steria Consulting.

Neue Projekte und Ideen gibt es viele. So plant das Land Nordrhein-Westfalen eine „virtuelle Klinik“. Auf dem Land fehlen oft die Fachärzte, für Patienten könnte das in einer Notsituation eine falsche Diagnose bedeuten. Fehlt in einer Praxis eine medizinische Expertise, könnten die Hausärzte in der virtuellen Klinik um Rat suchen. Hier werden Spezialkliniken, Fachärzte und die Hausarztpraxen verbunden, hier werden die Patientendaten elektronisch gespeichert und hier können Beratungen und Sprechstunden per Video abgehalten werden. „Das ist eine Chance, Ungleichheiten in den Lebensverhältnissen auszugleichen und gleiche Qualität an allen Orten verfügbar zu machen“, glaubt Thomas Ittel, der Vorstandsvorsitzende des Uniklinikums der RWTH Aachen. Die Pilotphase soll im Frühjahr 2020 starten. Vorausgesetzt, auf dem Land gibt es flächendeckend ein stabiles und schnelles Internet.

Das nicht alles in der Digitalisierung rund läuft zeigt sich in Hamburg. Der Klinik-Konzern Asklepios liegt im Clinch mit dem Uniklinikum Eppendorf (UKE). Für die Nutzung einer elektronischen Patientenakte wäre der Einsatz einer einheitlichen Software wichtig. Das UKE soll den Einsatz einer einheitlichen Software blockieren, so der Vorwurf von Asklepios. Statt über eine gemeinsame Digital-Strategie zu sprechen, verlieren sich die Beteiligten in Streitereien. Um Deutschland bei der Digitalisierung seines Gesundheitswesens international nach vorne zu bringen, braucht es noch viele Anstrengungen und Einigungen.

Fakten

Die Deutschen sind in Europa nicht allein mit der Unzufriedenheit der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Laut der Sopra Steria Studie denken die Bürger in Spanien und Frankreich ähnlich. Norwegen und Belgien gelten in Europa als digitale Musterschüler im Gesundheitswesen.

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Journalist

Jörg Wernien

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