European Media Partner

Was die Digitalisierung vom Arbeitsmarkt fordert

Das Stichwort heißt „Employability Management“ – wie sichern die Unternehmen und Arbeitgeber die Beschäftigungsfähigkeiten in einem sich stark wandelenden Markt?

Prof. Jutta Rump erforscht seit vielen Jahren personalwirtschaftliche Fragen am Institut für Beschäftigung und Employability. Wir haben mit Ihr über das Thema Digitalisierung am Arbeitsmarkt gesprochen und was das für die Zukunft bedeutet.


Foto: Presse

Wir haben in Deutschland fast Vollbeschäftigung – die Arbeitswelt wird zudem neu definiert. Wagen Sie einen Blick in Zukunft. Wie sieht unser Arbeitsmarkt in fünf Jahren aus?

 In fünf Jahren werden wir schon deutlicher als heute sehen, dass sich infolge der Digitalisierung Spannungsfelder und auch Beschäftigungseffekte in bestimmten Tätigkeitsbereichen und Branchen ergeben haben. Auf der einen Seite werden Tätigkeiten, Aufgaben und Arbeitsplätze aufgrund der Digitalisierung entstehen, die den Fachkräftemangel noch verstärken können. Auf der anderen Seite ist mit Personalanpassung zu rechnen – qualitativ im Sinne der Veränderung von Kompetenzen und Tätigkeitsprofilen, aber auch quantitativ. So ist heute schon recht deutlich abzusehen, dass sich Substitutionseffekte bei kognitiven und manuellen Routinetätigkeiten ergeben können, die auch einige Beschäftigte aus dem mittleren Qualifikationssegment betreffen.

Lebenslanges Lernen wird gefordert - doch nur wenige Firmen bilden das im Unternehmen ab - Warum investieren die Unternehmen so wenig in die Bildung der Mitarbeiter?

 Vor dem Hintergrund der o.g. Entwicklungen muss das Thema als Investitionspolitik gesehen werden, um dessen strategische Bedeutung klar zu machen. Sobald man Lernen und Bildung als Investition betrachtet, wird man auch die entsprechenden Ressourcen einsetzen. Sieht man es nur aus einer verwaltenden Perspektive, wird man in deutlich geringerem Maße bereit sein, diese zusätzlichen Aufwände in Kauf zu nehmen. Es zeigt sich, dass noch nicht alle Betriebe diesen Blickwinkel im Sinne der Investitionspolitik bzw. des strategischen Erfolgsfaktors einnehmen. Dieser Veränderungsprozess steht und fällt nicht zuletzt mit HR.

 Gibt es da Programme die auch KMU nutzen können?

 Es gibt eine große Vielzahl an Unterstützungsangeboten von Verbänden und Kammern, aber auch auf Landes- und Bundesebene, z.B. durch die Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) des BMAS, die allesamt eine Vielzahl an Materialien und Handlungshilfen, aber auch Beratungsleistungen zur Verfügung stellen. Viele Betriebe nutzen diese Instrumente allerdings kaum. Zudem gilt: Es besteht weniger ein Erkenntnis- als vielmehr ein Umsetzungsproblem.

 Was sind die Schlüsselkompetenzen die modernen Arbeitskräfte mitbringen müssen?

 Neben fachlichen und IT-Themen stehen bei den Soft Skills an vorderster Stelle Lernbereitschaft und Lernfähigkeit. Ebenfalls sehr wichtig sind Team- und Kommunikationsfähigkeit sowie die Kompetenzen, die unsere VUCA-Welt verlangt, allen voran Veränderungsbereitschaft und -fähigkeit, aber auch der Umgang mit Komplexität und Beschleunigung. Grundsätzlich geht es darum, an seiner lebenslangen Beschäftigungsfähigkeit (Employability) zu arbeiten, die nach unserem Verständnis einen Dreiklang aus Gesundheit, Motivation und Kompetenzen darstellt.

 Wir haben zu viele Akademiker sagen Studien - wie sieht es mit der Beschäftigungsfähigkeit im Handwerk aus?

 Diese Frage würde ich gerne aus einer anderen Perspektive betrachten. Wir sollten uns in erster Linie fragen, weshalb so viele junge Menschen sich gegen eine Ausbildung im Handwerk entscheiden und stattdessen ein Studium aufnehmen. Die Attraktivität von Ausbildungsberufen muss sehr viel stärker beworben und die inzwischen weit verbreitete Vorstellung, eine Ausbildung sei nur „zweite Wahl“, revidiert werden. Man sollte nicht vergessen, dass in der Vergangenheit nur 20 % eines Schul-Absolventenjahrgangs die Wahl zwischen Hochschule und dualer Ausbildung hatten. Heute sind es 50 %. In vielen Familie ist es heute das erste Mal, dass zwischen der Ausbildung an der Hochschule und im dualen Kontext gewählt werden kann. Was wählen dann die meisten?

 Auch die Bundesregierung denkt in die Richtung „Förderung der Weiterbildung" - Sinnvoll oder Geldverschwendung?

 Es ist auf jeden Fall ein wichtiges und richtiges Signal – sowohl an die Unternehmen als auch an jede Einzelne und jeden Einzelnen, dass Weiterbildung wichtig ist und zur Selbstverständlichkeit werden sollte. Zudem brauchen gerade KMU Unterstützung, um ihren Beschäftigten ein breites und zielgruppengerechtes Angebot an Weiterbildung bieten zu können.

 Wo sehen Sie die Grenzen der Beschäftigungsfähigkeit?

 Nach meinem Verständnis gibt es keine Grenze, wenn jede und jeder Einzelne danach strebt, sich in Richtung der eigenen Stärken zu entwickeln, und jeder Betrieb die Philosophie hat, die Beschäftigten nach ihren Stärken und Talenten einzusetzen.

Teile diesen Artikel

Journalist

Jörg Wernien

Weitere Artikel