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Das Blaenk-Konzept: Unter einem gemeinsamen Dach präsentieren sich verschiedene Hersteller für jeweils drei bis vier Monate. Danach wechselt das Sortiment. DIGITALISIERUNG

Neue Formate für den stationären Handel

Der Handel durchlebt eine Transformation, ausgelöst nicht durch eine Pandemie, sondern die Digitalisierung. Unter dem Druck des E-Commerce entstehen in hoher Geschwindigkeit neue Konzepte vom attraktiven Showroom bis zum kassenlosen Laden. Es wird viel probiert, getestet und wieder verworfen. Am Ende steht die Frage: Brauchen wir noch stationäre Läden und wenn ja, wie sehen diese aus?

Der Handel ist gezwungen, stationär nicht auf-, sondern abzurüsten.

Carsten Schemberg, Präsident des Deutschen Ladenbau Verbandes (dLv), Foto: Eugen Eslage

Die Produktauswahl in den Web-shops ist schier unendlich, der Preis transparent, die sofortige Verfügbarkeit in der Regel gewährleistet und die Lieferung umgehend, nicht selten kostenlos. Diese Vorzüge haben in der Pandemie auch Menschen entdeckt, die bislang nie im Internet eingekauft haben. Sie werden vermutlich in großer Zahl dortbleiben. Das sagt zumindest das IFH Köln, eine kompetente Organisation zur Erforschung des Onlinehandels. Warum ist das so?

Wie können dennoch Kunden wieder oder weiterhin für die stationären Läden begeistert werden? Die Antwort ist im Grunde ganz einfach: Wenn sie das bekommen, was sie wollen, kompetent bedient werden und sich dabei gut fühlen. Denn sie kennen es vielfach genau so vom Onlineshopping, besonders wenn sie beim Branchenprimus Amazon gekauft haben. Wenn die Antwort auch einfach war, die Umsetzung im stationären Laden ist es nicht. Diese Erkenntnis reift nicht erst seit der Pandemie. Die Krise hat jetzt aber die Probleme im Zeitraffer und augenfällig für jeden aufgedeckt. Die Klage über Ladenschließungen und Leerstände und die damit einhergehende Verödung der Innenstädte hört man seit Jahren. Einig sind sich Experten, dass es neue Konzeptenbraucht, die so attraktiv sind, dass Kunden wieder Lust am Shoppen in der Stadt haben. Schon jetzt ziehen Möbel- und Baumärkte von der grünen Wiese in die Zentren, so wie Horst in Hamburg, der sich als Baumarkt der urbanen Zukunft sieht. Kultur, Gastronomie, attraktive Läden, Handwerk, zugeschnitten auf lokale Besonderheiten: Das sehen Stadtentwickler als Chance der lebendigen Innenstadt. 

Ein attraktives Element der Innenstadt zu sein ist aber zugegeben in diesen Zeiten nicht einfach. Der Handel ist gezwungen, stationär nicht auf-, sondern abzurüsten. Die Warenvielfalt des Internets kann er nicht vorhalten. Weniger Ware vor Ort bedeutet weniger Verkaufsfläche, also kleinere Läden. Besonders der Anteil der Fashion- und Accessoire-Stores in den Straßen wird sinken, die Modebranche verlagert Teile ihres schnelllebigen Geschäftes zunehmend in den E-Commerce. Dem entgegen steht aber ein Zuwachs an Branchenvielfalt, auch hoffentlich durch sinkende Gewerbemieten. 

Was kann der Laden noch bieten? Er kann Showroom sein, in dem Ware nur anprobiert und dann sofort online gekauft werden kann, mit Lieferung nach Hause. Er zeigt die Ware zum ausgiebigen Testen und erklärt die Technologie, wie es Dyson vormacht. Die Marke, gestartet als Staubsaugerhersteller, eröffnete vor wenigen Monaten in Hamburg ein Beauty-Lab für Kunden, die sich Tipps beim Haarstyling holen wollen. Der Store kann Servicepoint, Reparaturwerkstatt, Click&Collect-Station und sogar Secondhand-Umschlagplatz sein, wie es z. B. Globetrotter vormacht. Er macht es möglich, das gerade gekaufte Produkt zu individualisieren, ist mit vielfältiger Handelsgastronomie ein sozialer Treffpunkt, richtet Events aus oder bietet seine Räume für Veranstaltungen an. Er kann eine Plattform sein für innovative Waren und Labels wie das Start-up Blaenk, oder schafft Pop-up-Flächen fremder Anbieter – und gibt so seinen Kunden immer wieder neue Impulse. Und er ist neuerdings sogar personal- und kassenlos wie z. B. bei tegut in Fulda.

Die ungeheure Vielfalt der Möglichkeiten und Konzepte ist eine große Chance, aber eben auch eine Herausforderung für jeden Retailer. Das Ladengeschäft hat Zukunft, aber der Store als Lagerraum, der sich mit dem Abverkauf von Ware beschäftigt, hat ausgedient. 

Für den Ladenbau heißt das, sich auf neue Anforderungen einzustellen. Wenn ganz neue Storebilder auf zum Teil deutlich kleineren Verkaufsflächen entstehen, sind modulare Einrichtungselemente und flexible Raumkonzepte gefordert. Bargeldloses Zahlen verlangt nach Anpassungen im Kassenbereich bis hin zum kompletten Fehlen von Kassen, wie es schon sehr lange Trend in Apple-Stores ist. Dort wird beim Verkäufer direkt bezahlt. Statt Möbeln plant und baut der Ladenbauer eine Werkstatt für Reparaturen, eine Testbahn für E-Bikes, eine Lounge oder ein Café. Das Thema Nachhaltigkeit hat im letzten Jahr an Bedeutung gewonnen. Inwiefern besonders nachhaltige Materialien, die in der Regel hochpreisiger sind, im Store in Zukunft eine Rolle spielen, bleibt abzuwarten. Eine der größten Herausforderungen für den Ladenbau wird aber sein, online und offline optimal zu verknüpfen. Ob viel Digitales im Store selbst eingebaut wird oder nicht, ist nicht die Frage. Da kommt es auf die Zielgruppe und die Produkte an, mit denen gehandelt wird. Das setzt voraus, dass der Händler seine Kunden sehr gut kennt und weiß, was sie brauchen. Früher hatte der Kunde keine Wahl und musste sich mit der Ware, die vor Ort vorgehalten wurde, zufriedengeben. Damals nannte man den Kunden einen König. Heute ist der Kunde, gemessen an den Wahlmöglichkeiten, die er hat, Kaiser. Und so möchte er auch behandelt werden. Es geht bei neuen Retailformaten „nur“ immer um neue Produkte und neue Erfahrungen, attraktiv inszenierte Flächen und eine gute Atmosphäre. Natürlich werden sich Kunden für diese stationären Läden begeistern.

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Journalist

Carsten Schemberg

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