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Drei ExpertInnen über die digitale Zukunft

Marco Junk, Geschäftsführer Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) e.V., Foto: BVDW/Presse

Sie kennen vielleicht den Satz „Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden“. Dieser Satz hat nichts an Aktualität verloren. Allerdings muss man ergänzen: Entscheidend ist, von wem. Der deutsche Mittelstand muss dabei weniger auf sein Produkt achtgeben, als vielmehr auf sein Geschäftsmodell. Wir Deutschen bauen vermutlich weiterhin die weltbesten Maschinen, das Geld wird aber immer weniger damit, als daran verdient. So steht heute nicht mehr der Verkauf von Aufzügen im Mittelpunkt, sondern dessen Ausfallsicherheit – dass Sensoren noch vor Auftreten eines Problems dieses in die Cloud melden, vielleicht sogar eingebunden in ein Mobilitätskonzept über das Gebäude hinaus, das künftig Bestandteil Ihrer Warmmiete ist. Wir müssen auf-passen, nicht zum Hardware-Zulieferer der digitalen Welt zu werden. Wenn wir in 20 Jahren zurückblicken, werden wir feststellen, dass 2010 bis 2030 dafür die entscheidenden Jahre waren; vermutlich wird die Corona-Pandemie diese Zeit weiter verdichten. Die letzten Monate haben eindrucksvoll gezeigt, wie leistungsfähig die deutsche Wirtschaft ist, die sich, im Gegensatz zum öffentlichen Sektor, sehr schnell an die veränderten Rahmenbedingungen angepasst hat. Darauf können wir stolz sein. Diesen Schwung, der weniger technologisch als kulturell herausfordernd ist, sollten wir nutzen. Dabei ist die Mindestvoraussetzung für jede Form von digitalen Geschäftsmodellen eine flächendeckende Breitbandinfrastruktur. Hier ist der Staat gefordert. 

Dr. Oliver Grün, Präsident des Bundesverband IT-Mittelstand e.V. (BITMi), Foto: Presse

In Deutschland haben wir bisher behäbig digitalisiert und hatten dabei stets die Bedenken im Blick. Zwar war der Abstand zu den digitalen Vorreitern bedenklich groß geworden, doch so wirklich zu sorgen schienen sich die Wenigsten. Die Corona-Krise hat diese Wahrnehmung grundlegend geändert: Unsere Digitalisierungs-Defizite scheinen so deutlich und bedrohlich wie nie. Angesichts des ersten Lockdowns im letzten Frühling musste es für die meisten Unternehmen schnell gehen – die wenigsten waren auf einen hauptsächlich digitalen Betrieb ihres Geschäfts vorbereitet. Erstaunlich schnell richteten sich Firmen und An-gestellte auf das Homeoffice ein. Es war gar von einer Digitalisierungswelle die Rede. 

Doch das ist tatsächlich zu weit gegriffen. Auch wenn viele Unternehmen vor allem im Mittelstand eine erstaunliche Flexibilität an den Tag legen, kann nur bei einigen von einer langfristigen Digitalisierung die Rede sein. Für einen echten digitalen Turnaround reicht es nicht aus, Kommunikation und bestehende Prozesse zu digitalisieren. Vielmehr ist es wichtig, das eigene Geschäftsmodell auf den Prüfstand zu stellen und auf sein digitales Potenzial hin zu prüfen: Wie kann ich neue Technologien integrieren? Wo entstehen Daten, die ich schon heute nutzen kann, um ein besseres oder vielleicht gänzlich anderes Produkt anzubieten? Nur mit einem ganzheitlichen, digitalen Ansatz, der den Wert von Daten versteht und zu nutzen weiß, können Unternehmen in der digitalen Zukunft bestehen. Spätestens jetzt ist die Zeit, darüber nachzudenken.

Dr. Cara Schwarz-Schilling, Wissenschaftliches Institut für Infrastruktur- und Kommunikationsdienste, Foto: Presse

Die Corona-Pandemie hat die Digitalisierung beflügelt, aber auch Defizite offengelegt. Das unmittelbare Erfordernis von Homeoffice hat die Entwicklung in Richtung neuer Arbeitswelten ein großes Stück vorangebracht. Viele kleine und mittlere Unternehmen haben hierbei festgestellt, dass digitale Prozesse und mobil-flexibles Arbeiten sie widerstandsfähiger, agiler und attraktiver für Fachkräfte machen. Voraussetzung dafür ist eine hochqualitative Breitbandversorgung, auch in ländlichen Regionen und in den privaten Haushalten. Flächendeckende Gigabitnetze sind ein entscheidender Wettbewerbsfaktor für die digitale Zukunft der Unternehmen. Daher muss ihr Ausbau entschlossener denn je vorangetrieben werden!

Im Mittelstand in Deutschland finden sich sowohl weltweit führende Hidden Champions als auch Digitalisierungsanfänger. Während fortgeschrittene Unternehmen den Weg vorzeichnen, benötigen noch viele der kleinen und mittleren Unternehmen erfolgreiche Digitalisierungsvorbilder. Traditionelle KMU haben vor allem bei digitalen Produkten, Innovationen und Qualifizierung ihrer Mitarbeiter Aufholbedarf. Hilfreiche Unterstützung dazu bieten Förderprogramme wie Mittelstand-Digital und deren KI-Trainer, go-digital und die Digitalisierungsberater der Kammern. Mehr als die Hälfte der von Mittel-stand-Digital unterstützten KMU setzt anschließend Maßnahmen zur Digitalisierung im eigenen Betrieb um. Angesichts der 3,5 Mio. KMU, dem Fachkräftemangel und der Vielzahl an neuen Lösungen bleibt noch viel zu tun. Letztlich ist nicht weniger als ein mutiger kultureller Wandel erforderlich.

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Journalist

Jörg Wernien

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