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Die deutschen Strände sind ein beliebtes Reiseziel – wie hier auf Sylt – und die Vorbereitungen für die kommende Urlaubssaison laufen. REISEN & ERLEBEN

"Die Menschen wollen wieder verreisen"

Norbert Fiebig, Präsident des Deutschen Reiseverbandes (DRV), über den aktuellen Stand der Dinge in der Branche.

Norbert Fiebig, Präsident des Deutschen Reiseverbandes (DRV); Foto: DRV/Wyrwa

Die Corona-Pandemie beschäftigt uns seit über einem Jahr. Die Reisewirtschaft mit ihren vielen mittelständischen Unternehmen kann ihre Geschäfte so gut wie nicht mehr aus-üben. Eine Besserung ist aktuell nicht in Sicht, die Existenzangst wächst. 2020 hat die Reisewirtschaft einen Umsatzverlust von 80 Prozent gesehen – ein historisches Ausmaß mit dramatischen wirtschaftlichen Folgen für die Tourismusbranche. Die stärksten Einbußen hatten organisierte Reisen in die klassischen Urlaubsgebiete rund ums Mittelmeer zu verzeichnen. Damit hat der organisierte Reisemarkt – und mit ihm Reiseveranstalter und Reisebüros – besonders unter der Pandemie gelitten. Die Ausgaben für selbstorganisierte Reisen sanken im Vergleich weniger stark. Die Gründe: 2020 blieben anteilig mehr Reisende in Deutschland oder im benachbarten Ausland, wie zum Beispiel in Österreich. Diese Reisen werden in der Regel stärker individuell und mit eigener Anreise gebucht. Aber auch hier konnte das Vorjahresniveau bei weitem nicht erreicht werden.

Herr Fiebig, wie gestaltet sich die aktuelle wirtschaftliche Situation der Reisebranche?

Die Pandemie hat 2020 auf allen Seiten nur Verlierer zurückgelassen. Aktuell ist die Situation nicht viel besser. Das derzeitige Infektionsgeschehen trägt weiter dazu bei, dass das Reisen zu-nehmend mit Restriktionen und Auflagen versehen ist, die die Erfüllung des Urlaubswunsches deutlich unattraktiver machen und vermehrt zu einem eher zögerlichen Buchungsverhalten der Reisewilligen beitragen. So ist der Urlaub in den Osterferien in Deutschland komplett und abgesehen von den etwa 40.000 Urlaubern auf Mallorca auch hinsichtlich der internationalen Destinationen nahezu vollständig ausgefallen. Das Neubuchungsaufkommen lag im Februar – mitten in der Hauptbuchungsphase für den Sommerurlaub – gerade einmal bei 20 Prozent des Vorjahres, zwischenzeitlich sogar noch darunter. Das wird nicht mehr aufzuholen sein.

Wie sieht Ihr Öffnungsfahrplan aus? 

Es geht um intelligente und tragfähige Konzepte sowie eine schlüssige systematische Teststrategie, verbunden mit ausgefeilten Hygiene- und Sicherheitskonzepten in den Zielgebieten und entlang der gesamten Reisekette: vom Flughafen, über Flug und Transfer bis ins Hotel oder die Ferienwohnung. Unser Konzept, wie verantwortungsvolle Mobilität wieder schrittweise ermöglicht werden kann, sobald es Corona zulässt, liegt der Bundesregierung seit September vor. Grundsätzlich gilt: Die Pandemie stellt Gesellschaft, Wirtschaft und Politik vor sehr große Herausforderungen. Die bisherige Praxis, Grenzen zu schließen, Mobilität bis auf einen kleinen Radius einzuschränken, Reisen zu erschweren oder zu verbieten und Staaten oder Regionen unter Lockdown zu stellen, hat erhebliche wirtschaftliche Schäden angerichtet und viele Menschen in ihren Grundrechten – hier insbesondere in ihrer persönlichen Bewegungsfreiheit – stark eingeschränkt. Auch vor diesem Hintergrund haben wir gemeinsam mit Verbänden aus Tourismus, Hotellerie und Gastronomie die Kampagne „#PerspektiveJetzt“ gestartet, wir rufen die Politik dazu auf, uns endlich Perspektiven zu eröffnen. Wir müssen es schaffen, Strategien zu entwickeln beziehungsweise verlässlich umzusetzen, die es ermöglichen, die Freiheitsbeschränkungen verantwortungsvoll zurückzunehmen und internationale Mobilität wieder zu ermöglichen, ohne hierbei erhöhte gesundheitliche Risiken auszulösen. Dies ist nicht nur für die Reisewirtschaft wichtig. Es ist, auch in Bezug auf die Geschäftsreise, essenziell für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Die Menschen stehen in den Startlöchern, sie wollen raus, sie wollen verreisen.

Wie lauten Ihre Forderungen an die Politik?

Im Mittelpunkt der politischen Überlegungen müssen – wie gerade erläutert – jetzt Strategien und Konzepte stehen, die das Reisen wieder schrittweise ermöglichen. Dabei gilt es natürlich, die Gesundheit und den Infektionsschutz im-mer im Blick zu haben. Dazu muss aber auch das Impfen schneller gehen und es bedarf einer systematischen Teststrategie. Beides muss einheitlich dokumentiert und damit jederzeit nachvollziehbar sein. Wir fordern deshalb einen international ausgelegten, digitalen Impfpass, in dem neben der Corona-Impfung auch Testergebnisse sicher dokumentiert werden. Das wird die Wiederherstellung unserer Freiheitsrechte und auch den Reiseverkehr der Zukunft deutlich erleichtern.

Wie ist Ihr Standpunkt zu den Hilfen der Bundesregierung?

Die Bundesregierung hat schon viele Hilfen auf den Weg gebracht und gerade erst vor Ostern noch einmal deutlich nach-gebessert. Das begrüßen wir. Trotz der Vereinfachungen bei der Beantragung der Hilfen laufen die Auszahlungen in einigen Bundesländern noch schleppend. Hier be-steht noch erhöhter Handlungsbedarf, weil viele Reisebüros und Reiseveranstalter in dieser schwierigen Situation dringend auf die Liquidität angewiesen sind. Auch zeigt die aktuelle Entwicklung der Corona-Pandemie schon jetzt sehr deutlich, dass es noch dauern wird, bis das Geschäft mit der Reise wieder richtig anlaufen kann. Daher ist es unerlässlich, die Überbrückungshilfen zeitnah über den Juni hinaus bis zum Ende des Jahres zu verlängern. Nur so erhalten die Unternehmen die für die Fortführung des Geschäftes notwendige Planungssicherheit. Da die Hilfen durch europäisches Recht eng begrenzt sind, ist es unbedingt erforderlich, dass die Bundesregierung in Brüssel ihren Einfluss geltend macht, damit die maximalen Förderbeträge weiter heraufgesetzt werden können. Appelle der Politik, auf Reisen zu verzichten, schaden den Unternehmen in dieser kritischen Situation massiv. Ebenso die konsequent wiederholte Stigmatisierung des Reisens als Pandemietreiber. 

Was genau meinen Sie damit?

Das Robert-Koch-Institut sagt: Die organisierte Reise – also die Pauschal-reise mit einem Reiseveranstalter an der Seite – ist nicht Treiber der Pandemie. Die Begründung sehen die Wissenschaftler in den ausgefeilten Hygiene- und Sicherheitskonzepten und darin, dass nur wenige Kontakte zur Bevölkerung stattfinden. Diese Studien-Ergebnisse muss die Politik endlich in ihrem Handeln berücksichtigen. Hier wird das Lebenswerk vieler Unternehmerinnen und Unternehmer aufs Spiel gesetzt – und damit die Vielfalt der Urlaubswelt, wie wir sie kennen. 

Zudem braucht die deutsche Reisewirtschaft eine Perspektive. Wir brauchen einen zukunftsgerichteten Plan zum Wiederhochfahren des Tourismus. Sowohl Kunden als auch Reisewirtschaft erwarten mehr Klarheit und Verlässlichkeit, wann und unter welchen Bedingungen Reisen wieder möglich ist. Umfassende Sicherheits- und Hygienekonzepte der Reiseveranstalter, Hotels, Airlines und auch der Zielgebiete liegen vor und sind umgesetzt.

Welche Folgen hat das Ausbleiben von Touristen in den Zielgebieten?

Das hat dramatische Auswirkungen, denn viele Zielgebiete leben fast ausschließlich vom Tourismus. Weltweit hängen rund 330 Millionen Stellen am Tourismus. Das Ausbleiben der Touristen führt vor Ort zu sozioökonomischen Schäden. Wir sehen steigende Armut, zunehmende Alltagskriminalität, vermehrte Wilderei. Für viele Menschen in den Urlaubsländern bedeutet der Zusammenbruch des Tourismus durch die Pandemie, dass sie nicht mehr wissen, wie sie ihre Familie ernähren sollen. Das gilt nicht nur in weniger entwickelten Ländern, sondern beispielsweise auch für Mallorca, wo schon jetzt laut einer Studie der Universität der Balearen ein Drittel der Bevölkerung als arm gilt.

Macht es Sinn, jetzt eine Reise für den Sommer zu buchen? 

Die meisten Kunden buchen derzeit Reisen für den späteren Sommer oder noch später im Jahr, teilweise sogar schon für 2022. Umfragen zeigen, die Deutschen möchten wieder verreisen, sie vermissen Sonne, Strand und Meer und die Unbeschwertheit des Urlaubs. Und ja, es macht absolut Sinn zu buchen. Wichtig ist dabei, sich genau zu informieren und im Reisebüro beraten zu lassen. Die sicherste Reise-form gerade in diesen eher unsicheren Zeiten ist die Pauschalreise. Darauf setzen die Kunden bei den derzeitigen Buchungen auch. Zudem bieten sehr viele Reiseveran-stalter attraktive Frühbucherkonditionen und flexible Umbuchungs- und Stornierungsmöglichkeiten, um die Buchungsentscheidung zu erleichtern. Sehr häufig sind auch spezielle Corona-Pakete enthalten oder können hinzugebucht werden. 

Wie schätzen Sie die Zukunft der Reisebüros ein? 

Die Reisebüros waren im vergangenen Jahr sehr gebeutelt. Erstmals wurden wegen der angesprochenen Verlagerung zu selbstorganisierten Nahzielen lediglich 39 Prozent der Privat- und Urlaubsreisen über Reiseveranstalter gebucht. Bislang lag der Anteil organisierter Reisen bei über 50 Prozent – und das seit Jahren. Was wir aber auch sehen, ist, dass nach wie vor über 50 Prozent der Veranstalterreisen über das Reisebüro gebucht werden. Die Reisebüros punkten dabei mit ihrer Expertise. Gerade jetzt gibt es unendlich viele Fragen bei einer Reisebuchung. Dabei einen kompetenten Ansprechpartner zu haben, ist Gold wert.

Wer weiß denn schon so ganz genau, welches Land überhaupt bereist werden kann oder was für die Einreise benötigt wird? Oder was zu tun ist, wenn ich zurück nach Deutschland reise? Genau damit überzeugen die Reisebüros. Was viele auch nicht wissen: Eine Pauschalreise von einem bestimmten Reiseveranstalter mit identischen Bestandteilen kostet auf allen Buchungskanälen das gleiche. Es ist damit völlig egal, ob sie online gebucht wird oder beim Reisebüro, wo Sie vielleicht im Beratungsgespräch noch einen Cappuccino angeboten bekommen.

Wo geht die Reise nach Corona hin? 

Obwohl derzeit viele internationale Ziele nicht oder nur schwer zu bereisen sind, wird sich dies nach aktueller Einschätzung langfristig nicht in einer grundsätzlichen Änderung des Reiseverhaltens nieder-schlagen. Laut einer aktuellen Umfrage der GfK im Februar hat sich auch an der Beliebtheit von Destinationen wenig geändert. So wollen die Befragten in den nächsten Jahren neben Deutschland unter anderem auch wieder die Balearen, Griechenland, die Türkei, Italien, die Kanaren, Österreich und andere weltweite Ziele bereisen. Auch Kreuzfahrten mit ihren umfassenden Hygiene- und Sicherheitskonzepten und umfangreichen Tests, bevor die Menschen an Bord gehen, werden in der Nachfrage wieder steigen. Schon heute sehen wir hier Buchungen für das Jahr 2022. Schwieriger dürfte es, zumindest in naher Zukunft, für den Party-Tourismus werden. 

Und welche Nachfrage erwarten Sie für die Zeit nach der Pandemie? 

Da wird eine wieder steigende Nach-frage prognostiziert. Reisen wird in den nächsten Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit individuell höher wertgeschätzt werden. Es ist weniger selbstverständlich zu verreisen und zudem vielleicht etwas komplizierter als vor Corona. Die Menschen werden bewusster reisen. Ein Trend, den wir schon vor der Pandemie gesehen haben, der sich jetzt noch mal verstärken wird. Unsere Kampagne #reisebewusst sensibilisiert für die sozialen und ökologischen Aspekte des Reisens. Dazu liefern wir auf Instagram im Wochenrhythmus Tipps und Tricks zum bewussten Reisen.

Fakten

Als DRV-Präsident repräsentiert Norbert Fiebig (Jg. 1959) die Reisewirtschaft, einen der wichtigsten Wirtschaftszweige Deutschlands. DRV-Mitglieder erwirtschaften über 90 % des Umsatzes des hiesigen Reisebüro- und Reiseveranstaltermarktes. Fiebig hat zahlreiche Ehrenämter und Funktionen inne, im Sommer reist der gebürtige Rheinländer gern nach Südtirol.

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Journalist

Chan Sidki-Lundius

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