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Natur nutzen – Ressourcen schützen

Hubertus Paetow, Präsident der DLG e.V. (Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft)

Rund zweihundertmal am Tag. Einige häufiger, manche weniger. Die genaue Zahl kennt niemand, und sie ist letztendlich zweitrangig: Wer die üblichen Statistiken betrachtet, staunt, wie oft der durchschnittliche User, oder man selbst, pro Tag auf das Smartphone blickt. Was in der jugendlichen Peer Group als eine Art erworbener Reflex durchgehen mag, ist in der landwirtschaftlichen Praxis, insbesondere der Nutztierhaltung, von hohem Wert. Die digitale Revolution hat die Landwirtschaft längst erfasst und bereichert mit ihren Möglichkeiten der Anwendungen im Stall und auf dem Feld die landwirtschaftliche Praxis.

Sensoren erfassen beispielsweise permanent das Fress- und Liegeverhalten von Milchkühen und ermöglichen den Tierhaltern Rückschlüsse auf die Tiergesundheit insgesamt sowie auf akute Krankheiten. Nichts wird dem Zufall überlassen, da ein Blick auf das Smartphone genügt. Das ist kein Selbstzweck, sondern vielmehr Ausdruck einer gelebten Verantwortung. Analoge Tierbeobachtung rund um die Uhr, an 365 Tagen ist ein Anspruch, der sich kaum erfüllen lässt.

Trotz aller modernen Technologie wird der Landwirt aber nicht überflüssig. Im Gegenteil: Anspruchsvolle, inner- und überbetrieblich vernetzte Systeme erfordern professionelles Know-how über die Technik selbst und deren Nutzen. Die reine Datenerfassung und -verarbeitung reicht nicht aus, es müssen Entscheidungen getroffen werden, auf die Handlungen folgen. Im digitalen Betrieb werden gleichzeitig organisatorische Schwachstellen identifiziert und weitere Potenziale der Automatisierung aufgedeckt. Die verbleibende Zeit kommt der Tierbeobachtung und anderen Managementaufgaben zugute – eine Win-Win-Situation für Mensch und Tier.

Nicht nur im Stall, auch auf dem Feld setzt moderne Technologie, kombiniert mit hervorragender Ausbildung der Landwirte, Impulse für den Fortschritt. All das zielt auf einen bewussten, schonenden und effizienten Umgang mit den natürlichen Ressourcen. Optische Sensoren an Drohnen, verknüpft mit der IT des Betriebes, beurteilen den Zustand landwirtschaftlicher Kulturen. Ein Foto mit dem Smartphone genügt, um via App zu klären, ob der Schädlingsbefall den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln erfordert.

Mit der Digitalisierung erleben traditionelle Verfahren wie die mechanische Unkrautbekämpfung eine bemerkenswerte Renaissance: Eine Kamera als digitales Auge steuert den Traktor samt angehängter Unkrauthacke präziser als der beste Fahrer. Das erhöht den Wirkungsgrad und setzt Maßstäbe für die vielfach diskutierte und geforderte nachhaltige Landwirtschaft.

Die landwirtschaftliche Praxis ist ein permanenter Balanceakt: Erzeuger nutzen die natürlichen Ressourcen und schützen sie zugleich. Zu dieser einfachen Wahrheit gehört, dass das Gleichgewicht in den vergangenen Jahren teilweise aus dem Lot geraten ist. Die DLG hat daher mit zahlreichen Experten 10 Thesen zu „Landwirtschaft 2030“ entwickelt. Aus eigener Kraft setzten wir Landwirte uns das Ziel, die Balance wiederherzustellen. Dazu notwendig sind Tatkraft und Know-how sowie moderne Technologie – und das bedeutet weit mehr als der, wenngleich wichtige, Blick auf das Smartphone.

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