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Gefährlicher Mangel an Fachkräften

Die Baubranche boomt wie schon seit Jahren nicht mehr. Die Auftragsbücher sind über die nächsten Jahre voll, Handwerker können sich kaum vor Aufträgen retten.

Das Fehlen qualifizierter Mitarbeiter ist inzwischen ein ‚volkswirtschaftlicher Engpass‘.

Seit Wochen sucht Familie W. verzweifelt einen Dachdecker. 15 Handwerksbetriebe in der Umgebung haben sie angerufen, oft erreichen sie nur den Anrufbeantworter, ein Rückruf erfolgt nie. So geht es zurzeit vielen privaten Haushalten, die einen Handwerker für die unterschiedlichen Aufgaben beauftragen wollen. Doch auch auf den großen Baustellen fehlen die Fachkräfte. Ingenieure, Projektleiter und Architekten sind rar. Besonders gefragt sind Experten mit Erfahrungen im BIM (Building Information Modeling).

Etwas mehr als 10 000 Lehrlinge haben in Hessen 2017 einen neuen Ausbildungsvertrag bekommen. „Aber die Situation ist so, dass die Betriebe aufgrund der Nachfrage bereit sind, weitere einzustellen“, sagt Bernd Ehinger, Präsident der Handwerkskammer Frankfurt Rhein-Main in einem Interview mit dem HR. „Und wir hätten mit Sicherheit eine Größenordnung von ein- bis zweitausend zusätzlichen Ausbildungsplätzen, die frei wären. Das hängt damit zusammen, dass einfach der Arbeitsmarkt leergefegt ist.“ Ähnlich sieht es auch in den anderen Bundesländern aus. Ein Trend, der sich weltweit bestätigt. Die ManpowerGroup hat in der Studie „Talent Shortage“ 39 195 Teilnehmer in 43 Ländern befragt, davon 800 Unternehmen in Deutschland. Danach haben 51 Prozent der deutschen Firmen Probleme mit der Besetzung von Stellen. Die größten Schwierigkeiten gibt es bei Fachkräften wie Elektrikern, Schweißern oder Mechanikern. „Seit 2007 ist die Anzahl der erwerbstätigen Akademiker um rund 2,6 Millionen auf neun Millionen gestiegen; ihr Anteil liegt jetzt bei 22 Prozent“, sagt Herwarth Brune, Vorsitzender der Geschäftsführung der ManpowerGroup. „Inzwischen hat in Deutschland mehr als jeder fünfte Erwerbstätige einen Hochschulabschluss. Viele Firmen haben hingegen große Schwierigkeiten, Azubis zu finden.“

Die Akademisierung spielt bei den Personalabteilungen eine immer größere Rolle. Trotz der guten Auftragslage gibt es kaum noch Nachwuchskräfte. Dies könnte an der geringen Bezahlung in der Ausbildung liegen. Doch das ist nicht der Hauptgrund, sagt Bernd Ehinger von der Handwerkskammer in Frankfurt: Wer es im Handwerk bis zum Meistertitel geschafft habe, könne mit vier- bis fünftausend Euro Einstiegsgehalt rechnen. „Das kriegen Sie als Jurist niemals“, sagt Ehinger. „An der Bezahlung allein liegt’s sicher nicht. Das hängt sicher damit zusammen, dass die grundsätzliche Ausrichtung auch im Elternhaus heißt: Unser Kind soll’s besser haben, es wird akademisch ausgebildet.“

Die Baubranchen hat viele hausgemachte Probleme. Immer mehr Betriebe haben in den letzten Jahren nicht mehr ausgebildet. Die Zahl der Lehrstellen hatte sich in den mageren Jahren halbiert. Der zweite Knackpunkt ist die nicht vorhandene Digitalisierung im Baugewerbe. Andreas Engelhardt, persönlich haftender Gesellschafter des Bielefelder Fensterherstellers Schüco, will das ändern. „In puncto Digitalisierung ist die Baubranche auf dem vorletzten Platz“, schimpft er. „Dahinter kommt nur noch die Jägerei.“ An Schüco, so viel steht fest, liegt das nicht. „Wir wollen Treiber sein.“ Die Firma hat einen ganz neuen Beruf aus der Taufe gehoben – der digitale Metallbauer, noch ein Pilotprojekt mit einem Kurs in Bielefeld. Doch schon bald soll der neue Beruf bundesweit ausgerollt werden. Entwickelt wurde das Ganze mit der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe. Und Engelhardt geht noch weiter mit der Digitalisierung. An der Hochschule von Detmold wurde ein Lehrstuhl für die Digitalisierung im Bauwesen eingerichtet. „Die Baubranche muss wieder attraktiv für junge Menschen sein. Und sie muss Anschluss an die Digitalisierung halten. Damit die boomende Branche nicht (wieder) zur Krisenbranche wird“, sagt Anders Engelhardt von Fensterfirma Schüco in einem Gespräch mit der „Neuen Westfälischen“.

Neue Wege gehen auch die Eckert-Schulen in einer Kooperation mit dem Bauunternehmen Strabag. Sie wollen es Studienabbrechern aus den Fachrichtungen Bauingenieurwesen, Architektur oder Vermessungswesen die Möglichkeit für staatlich geprüfte Abschlüsse geben. Das Motto: gemeinsam gegen den Fachkräftemangel. In dem Modell sollen Theorie und innerbetriebliche Praxis zusammengeführt werden. Das „Fast Track“-Studium soll zweieinhalb Jahre dauern. In der Wirtschaft kommt die Initiative an: Zahlreiche bayerische Unternehmen beteiligen sich von Beginn an als Partnerbetriebe an der „Fast Track“-Initiative. Sie sehen diese als Chance, gut qualifizierte Fachkräfte für die Zukunft zu gewinnen. Bereits vor dem Start der Prüfungen zum Industrietechnologen hatten die allermeisten Teilnehmer einen Arbeitsvertrag in der Tasche. „Das Interesse an den jungen Leuten ist groß – vom kleinen Mittelständler bis zum großen Konzern und quer über alle Branchen hinweg“, sagt Max Schobert, der das Projekt bei den Eckert-Schulen betreut.

Auch in der Baubranche hat der „Krieg um die Talente“ längst begonnen. Die Folgen sind Verzögerungen auf den Baustellen, weil das Personal fehlt und Stillstand bei städtischen Projekten, weil die Experten in der Projektentwicklung fehlen. Eine Lösung wäre eine neue Ausrichtung der Baubranche. Die Bau- und Immobilienbranche sollte von der Automobilbranche lernen, wie man Sex-Appeal schafft. Für eine Gesellschaft ist es zudem viel wertvoller, Freude am Wohnen und gesunden Arbeiten zu haben als Freude am Fahren.

Noch boomt es am Bau, Löhne und Gehälter steigen, Experten der Bau- und Immobilienbranche haben gute Jobperspektiven. Doch die Experten warnen bereits: Für die Mitarbeiter wäre es wichtig, dass sie wissen, dass jeder Boom endlich ist. Sie dürfen die aktuelle Marktphase genießen, doch sollten sie nicht den Fehler einer Endlosprojektion der aktuellen Wachstumsraten wagen.

Fakten

Nach einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages stufen 78 Prozent den Mangel an Fachkräften in der Bauindustrie als größtes Risiko für ihr Geschäft ein. Die Höhe der Arbeitskosten, bislang die größte Sorge im Baugewerbe, trat für die Aussicht im Jahr 2018 in den Hintergrund.

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Journalist

Jörg Wernien

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