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Michel Fornasier GESUNDHEITSWESEN

Innovation statt Frustration

Michel Fornasier trägt die „i-limb Ultra Revolution“ – eine bionische Prothese für Menschen, denen eine Hand fehlt. Sie hat sein Leben verändert.

Ich war vier Jahre alt und beim Bauen mit den Legosteinen waren die anderen Kinder viel schneller als ich.

Als Michel Fornasier sich das erste Mal wirklich bewusst wurde, dass irgendetwas an ihm anders ist als bei den anderen Kindern, war er im Kindergarten. „Ich war vier Jahre alt und beim Bauen mit den Legosteinen waren die anderen Kin-der viel schneller als ich“, erinnert er sich heute. Kein Wunder, denn Michel ist nur mit einer Hand auf die Welt gekommen. Die rechte Hand fehlt – in der Sprache der Experten nennt man das Dysmelie. Ein wirklicher Schock war das für ihn nicht, denn der kleine Michel hatte schon gelernt, mit dieser „Einschränkung” zu leben. Dabei hatte seine Familie eine wichtige Rolle gespielt: „Meine Eltern und mein jüngerer, zweihändiger Bruder haben mich von Anfang so behandelt, als habe ich diese Beeinträchtigung nicht. Das hat mir sehr geholfen, damit zu leben und mich ganz normal zu fühlen.“

Aber klar, auch wenn Michel vieles mit links erledigte, wirkte es sich im alltäglichen Leben herausfordernd aus, dass die rechte Hand fehlt. Ganz alltägliche Dinge wie das Binden der Schnürsenkel musste er sich langwierig beibringen. Schon damals nutzte er Prothesen, aber glücklich war er damit nicht. „Das war so eine Art Patschehand ohne Funktionalität. Sie sah aus wie die Hand einer Schaufensterpuppe.“

Rund 30 Jahre später änderte sich dann alles. Eines Tages saß Michel vor dem Fernseher und sah zufällig eine Sendung über High-Tech-Handprothesen. Doch das war etwas völlig anderes, als die „Patschehand“, die er selbst trug. „Was ich in diesem Bericht sah, war wie von einem anderen Stern.“ Eine künstliche Hand, die aussah wie aus einem Science-Fiction-Film und funktional war, denn sie konnte die Finger bewegen, und zwar jeden einzelnen.“ Michel Fornasier war begeistert und nahm Kontakt zum Anbieter auf. Ihm war klar, dass er auch genau eine solche Hand haben wollte.

Entwickelt wurde sie von dem britischen Start-up Touch Bionics, das eng mit dem Schweizer Unternehmen Balgrist Tec zusammenarbeitet. Und schon bald ließ Michel sich eine Hand fertigen. Er trägt sie inzwischen seit knapp fünf Jahren und ist begeistert von ihrer Funktionalität. 

„Diese Hand hat mein Leben grundlegend verändert“, sagt er. Die bionische Hand verfügt über zahlreiche Motoren und Griffmuster. Die Kosten belaufen sich auf über 50.000 Euro – nicht gerade niedrig, aber bei so viel innovativer Technik gerechtfertigt. 

Die „i-limb Ultra Revolution“ ist 2,5 Kilogramm schwer und mit einem Silikon-Handschuh überzogen, mit dem so-gar der Touchscreen eines Smartphones bedient werden kann. Zwei Elektroden, die auf dem Unterarm liegen, messen die elektrische Spannung an der Hautoberfläche, die von der Muskelanspannung abhängig ist. Der Träger benutzt also die Muskeln, die das Handgelenk bewegen. Die Prothese registriert den Muskelimpuls – als Folge öffnet und schließt sich die Hand. Mit einigen Tricks kann die Hand noch einiges mehr, zum Beispiel Greifen oder sich drehen. „Um das zu beherrschen, braucht es viel Training, aber es lohnt sich“, weiß Michel aus eigener Erfahrung. Denn die Feinmotorik reagiert sehr sensibel, und so kann es passieren, dass die Hand eine andere Bewegung ausführt, als ihr Träger eigentlich möchte, wenn er sie nicht richtig steuert. 

Doch die „i-limb Ultra Revolution“ kann noch viel mehr. Mit Hilfe des Smart-phones kann sie 25 Griffe programmieren, die sich via Bluetooth automatisch einstellen, sobald Michel sie benötigt. Begibt der begeisterte Fahrradfahrer sich beispielsweise in die Nähe seines Gefährts, so stellt sich automatisch der passende Griff für den Lenker ein. „Und mit dem sogenannten Pinzettengriff kann ich vieles ganz präzise greifen, zum Beispiel Popcorn im Kino“, sagt er. 

Fakten

Michel Fornasier ist als Botschafter sei-ner Stiftung „Give Children a Hand“ in Schulen und Kinderspitäler unterwegs. „Kinder sind unkompliziert“, sagt er. Das wichtigste sei, dass die Optik der Hand stimmt, wie jene von einem Superhelden. Deshalb ist Michel auch als „Bionicman“ unterwegs. Und das Tolle ist: Für Kinder ist eine Handprothese aus dem 3D-Drucker bereits ab 500 Euro zu bekommen. Weitere Informationen unter:  www.givechildrenahand.com und www.bionicman-official.com

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Journalist

Armin Fuhrer

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