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Professor Christian Kille, Professor für Handelslogistik an der Hochschule Würzburg und Autor des Standardwerks „Die Top 100 der Logistik“ ENTWICKLUNG

Für die Zukunft in Bewegung bleiben – Christian Kille

Die Digitalisierung kommt in der Logistik nur schleppend voran. Im Bereich Lebensmittel wird jedoch ein Boom vorausgesagt. Wie sehen die Prognosen aus?

„Die Logistikbranche steht mit anderen Wirtschaftsbereichen in einem harten Wettbewerb um potentielle Mitarbeiter.“

Weltweit nimmt Deutschland in der Logistik eine führende Stellung ein. Das überrascht nicht, weil die Bundesrepublik als Exportland stark auf eine funktionierende Logistik angewiesen ist. Es verwundert auch nicht, dass sich die Anforderungen im Zuge der Globalisierung und neuen Marktbedingungen rasant ändern. Stichworte sind: erhöhtes Transportaufkommen und hohe Erwartungen der Kunden an tagesaktuelle Zustellzeiten. Weitere wichtige Bereiche sind E-Commerce und Industrie 4.0.

„In der Digitalisierung sehe ich deutlich mehr Vorteile als Nachteile“, sagt Christian Kille. Der Professor für Handelslogistik an der Hochschule Würzburg ist Autor des Standardwerks „Die Top 100 der Logistik“. 2014 gründete er als einer der Initiatoren zudem die Initiative „Gipfel der Logistikweisen“, in Anlehnung an die Wirtschaftsweisen. Der Expertenkreis verfolgt das Ziel, die Entwicklung der Logistik für das jeweilige Folgejahr zu prognostizieren.

Bei der Betrachtung des Bereichs Digitalisierung fällt jedoch etwas auf. Grundsätzlich schafft sie eine größere Transparenz für die ganze Logistikkette. Doch die Branche wartet noch auf den Digitalisierungs-Boom. „Die Vernetzung der Informationssysteme über alle Partner hinweg ist noch nicht gegeben“, sagt Kille. Das erscheint widersprüchlich, da der Wirtschaftsbereich Logistik wächst, ebenso wie die Bedeutung der IT. Eine Erklärung, warum das so ist, liegt an den entsprechenden Einflussfaktoren. Das reicht von Globalisierung über Nachhaltigkeit bis hin zu deutlich kürzeren Produkt-Lebenszyklen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Bedarf an Experten zu groß ist, denn fast jeder der Faktoren erhöht den Bedarf nach IT-Lösungen. Unternehmen müssen zum Beispiel ihre Logistik international managen – von der Zusammenarbeit mit Transportpartnern bis hin zur Überwachung der Warenströme.

Auch wenn es für diese Fragestellungen Software-Lösungen gibt, bleiben viele Bereiche unbearbeitet. So stellen Exportbestimmungen und die Zollabfertigung kleinere und mittlere Unternehmen vor große Probleme, die sich mit Software einfach bewältigen ließen. Hinzu kommen neue Vorschriften und Gesetze. Das können Embargo-Vorschriften oder Emissionsrichtlinien, Mindestlohn oder Fahrzeitenregulierungen sein, deren Einhaltung kontrolliert und dokumentiert werden müssen. Hier sind IT-Lösungen gefragt, die die Aufgaben automatisieren.

Warum investieren Unternehmen nicht vermehrt in die Digitalisierung? Eine mögliche Ursache besteht darin, dass in vielen Unternehmen seit Jahren ein großer Teil des IT-Budgets in die Aufrechterhaltung der bestehenden Systeme fließt. Und ein weiterer Faktor spielt ebenfalls eine wichtige Rolle: „Die Herausforderung sind nicht die IT-Systeme, sondern das Personal“, sagt Kille. Die Logistikbranche steht mit anderen Wirtschaftsbereichen in einem harten Wettbewerb um potentielle Mitarbeiter. Und sie müssen sich mit der Frage befassen, wie die Beschäftigten dann auch in den Firmen gehalten werden können.

Kille weist darauf hin, dass bei der Auswahl nicht nur IT-Fachleute gefragt sind. „Es geht um Menschen, die durch analytisches Denken die richtigen Fragen stellen.“ Diese Mitarbeiter müssten nicht zwingend aus der IT kommen. „Das kann auch ein Physiker, Mathematiker oder Philosoph sein“, sagt Kille.

In einem Bereich sagt der Logistik-Experte jedoch einen Boom voraus. In rund fünf Jahren werden viele Konsumenten ihren täglichen Bedarf an Lebensmitteln im Internet bestellen. Der Online-Einkauf von Fleisch, Gemüse, Nudeln, Reis, Milch und Obst wird nach seiner Einschätzung in den kommenden Jahren deutlich zunehmen.

Allerdings müssen die Voraussetzungen stimmen. Nur wenn eine funktionierende Kombination aus Dienstleistern und Verpackungsindustrie besteht, wird der Boom ausgelöst. Schließlich will kein Kunde verfaultes Gemüse oder Obst geliefert bekommen. „Wenn ich mir etwas schicken lasse, muss es perfekt sein“, sagt Kille.

Für die Logistik bedeutet das eine Umorientierung in Richtung lokaler Dienstleister. Der Lebensmitteleinzelhandel wird wirtschaftlich darunter zu leiden haben. Doch für Logistik-Dienstleister vor Ort bieten sich Chancen. Eine Idee liefert zum Beispiel die Firma Lockbox. Die Lieferungen werden direkt vom Versender in eine stabile Box gepackt, die noch am selben Tag an die Wohnungstür gebracht wird – gesichert wird die Box mit einem Stahlseil an der Tür.

Fakten

Fakten

Die Größe des Wirtschaftsbereichs Logistik beläuft sich auf insgesamt rund 235 Mrd. Euro in Deutschland (Stand 2014). Zum Vergleich: Frankreich (ca. 125 Mrd. Euro), Großbritannien (95 Mrd. Euro). Für 2016 wird in Deutschland in der Logistik mit einem Wachstum von zwei Prozent gerechnet.

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Journalist

Helge Stroemer

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