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Dr. med. Peter Gocke, Chief Digital Officer (CDO) und Leiter der Stabsstelle Digitale Transformation an der Charité Universitätsmedizin Berlin GESUNDHEITSWESEN

Die Medizin der Zukunft ist datengetrieben

Im Interview mit Dr. med. Peter Gocke, Chief Digital Officer (CDO) und Leiter der Stabsstelle Digitale Transformation an der Charité Universitätsmedizin Berlin über Beispiele für die Digitalisierung im Gesundheitswesen, die aktuelle Situation und nötige Schritte. 

Digitalisierung ist eine Aufgabe, die nur gemeinsam gelingen kann – das schließt auch die Patienten mit ein.

Herr Dr. Gocke, wie steht es um die Digitalisierung im Gesundheitswesen?

Schaut man sich Deutschland im internationalen Vergleich an, sind wir bei der Digitalisierung unseres Gesundheitswesens nicht so weit gekommen wie andere Länder. Wir müssen aufholen, die Initiativen des BMG, wie DVG und PSDG, zeigen uns die Richtung. Die COVID-19-Pandemie hat gezeigt, was mit entsprechendem Druck in kurzer Zeit erreichbar ist. Hieran sollten wir festhalten und weitermachen. Die Medizin der Zukunft ist datengetrieben. 

Was sind die Vorteile einer digitalen Medizin? 

Digitale Medizin ist die Algorithmen-unterstützte, gemeinsame Nutzung strukturierter Daten in Echtzeit. Die erforderten Plattformen für ebendiese Daten und die Nutzung internationaler Standards. Ein Beispiel hierfür ist die Charité Health Data Platform (HDP), auf der die Daten von Patienten aus verschiedenen Subsystemen qualitätsgesichert und strukturiert zusammen-gebracht werden. Erst solche Daten können dann für Algorithmen genutzt werden.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ein Beispiel an der Charité ist der Acute Kidney Injury (AKI) Alert. Der Algorithmus auf der HDP prüft regelmäßig, ob bei Patienten eine Auffälligkeit bei ihren Nierenfunktionswerten vorliegt – und informiert bei Bedarf die behandelnden Ärzte. Erste Auswertungen zeigen, dass dieses System sehr hilfreich ist und die Qualität der medizinischen Versorgung verbessert. Andere Beispiele gibt es zuhauf, ob das nun weitere klinische Suchalgorithmen sind, die nach Hinweisen auf schwer rechtzeitig zu erkennenden Entwicklungen, wie die einer Sepsis, oder die Unterstützung bei der Auswertung von Röntgen-Bilddaten liefern – immer mit dem Ziel, eine Behandlung besser und sicherer zu machen. Dabei geht es nicht darum, Menschen zu ersetzen.

Wie kann eine sinnvolle Digitalisierung gelingen?

Sie wird nur gelingen, wenn der Patient Vertrauen zu seinen Behandlern und zum Umgang mit seinen Gesundheitsdaten hat. Das betrifft alle an der Verarbeitung von Gesundheitsdaten Beteiligten: Arztpraxen, Krankenhäuser, Reha-Einrichtungen, Apotheken, Gesundheitsämter und Krankenkassen. Die Daten in diesen Einrichtungen auf gleichem Niveau schützen zu können, ist eine technologische und organisatorische Herausforderung. Insofern ist darüber nachdenken, die Telematik-Infrastruktur als Plattform für die Datenhaltung zu nutzen. Hier lässt sich ein hohes Schutzniveau einfacher einrichten und aufrechterhalten. Zudem gäbe es Vorteil, dass die Gesundheitsdaten auch nach der Schließung von Arztpraxen und Krankenhäusern erhalten bleiben. Datenschutz ist ein hohes Gut. Aber wir müssen praktikable Wege finden, Daten sowohl für die Versorgung, als auch für die Forschung nutzen zu können. 

Was bedingt dies?

Für die Menschen muss jederzeit erkenn-bar sein, welche Daten über sie existieren und welche Nutzung stattfindet. Auch dieser Aspekt lässt sich auf einer gemeinsamen Plattform, wie einer nationalen Gesundheitsakte, leichter realisieren. Und wir brauchen einen einheitlich definierten Datenschutz, wie wir ihn mit der DSVGO begonnen haben. Leider haben wir aber immer noch zusätzliche, teils divergierende Datenschutzregelungen. 

Was sind Schritte, um die Digitalisierung erfolgreich gestalten zu können? 

Digitalisierung ist eine Aufgabe, die nur gemeinsam gelingen kann – das schließt auch die Patienten mit ein. Für sie muss ein echter Nutzen der Digitalisierung erkennbar sein. Das bedeutet aber auch, dass wir für alle Beteiligte klar erkennbare, übersichtliche und von jedem gut nutzbare Strukturen schaffen müssen. Hier halte ich den Ansatz des BMG, mit der gematik GmbH eine nationale Infrastruktur für einheitliche elektronische Patientenakten zu schaffen, für richtig und wichtig. Der saubereren Strukturierung der Daten gemäß internationaler Konventionen, Standards und Protokolle kommt eine wichtige Rolle zu. Das sollten wir aber so weit wie möglich bundesweit einheitlich und nur so länderspezifisch wie unbedingt nötig konzipieren. Hier würde ich mir eine Funktion wie das „Office of the National Coordinator“ wünschen, mit dem die USA verbindliche Vorgaben für ihr Gesundheitssystem gemacht hat. Wenn wir es in Europa mit den Bestrebungen für eine europaweite, von USA und Asien unabhängige Cloud-Infrastruktur ernst meinen, bietet sich auch eine Nutzung durch die europäischen Gesundheitssysteme (European Health data space) an – sowohl für die Versorgung von Patienten, als auch für die Forschung. 

Fakten

Dr. Peter Gocke leitet die Stabsstelle „Digitale Transformation“ an der Charité seit April 2017. Zuvor war der promovierte Mediziner und Radiologe am Hamburger UKE als CIO und Leiter des Geschäftsbereichs IT tätig. Hier war er eine der treiben-den Kräfte für den digitalen Umbau zum papierlosen Krankenhaus.

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Journalist

Chan Sidki-Lundius

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