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Prof. Dr. med. Dietrich Grönemeyer, Mediziner, Unternehmer oder Autor HEALTHCARE

„Jetzt sollten wir gezielt präventiv tätig werden!“

Ob als Mediziner, Unternehmer oder Autor: Prof. Dr. med. Dietrich Grönemeyer ist Rückenexperte und ein Fachmann auf seinem Gebiet. In einem Interview verrät er, wie man präventiv gegen Rückenschmerzen vorgehen kann und welche Folgen der „Handynacken“ mit sich bringt.

Herr Grönemeyer, Rückenleiden sind in diesem Land leider weit verbreitet, die Gründe dafür sind vielen bekannt. Von der Bewegungsarmut, zu vielem Sitzen und falschem Heben. Doch jetzt kommt ein neuer Faktor hinzu – der „Morbus Smartphone“ – was passiert dabei und welche Gefahren lauern dort, besonders für die jungen User der Handys?

Unter dem Begriff „Handynacken“ werden verschiedene Erscheinungsbilder zusammengefasst. Neben Handynacken im eigentlichen Sinne gehören zu diesem Beschwerdekomplex iPad-Schulter, Maus-Arm, SMS-Daumen, also verschiedene funktionelle muskuläre bindegewebige Störungen, bedingt durch wiederkehrende Funktionsfehlhaltungen. Es handelt sich hier um eine neue Volkskrankheit.

Das Verwenden von Smartphones oder Tablets führt leider oft zu einer Fehlhaltung. Ständig steht oder sitzt man mit gesenktem Kopf… Etwa zwei Stunden täglich, so eine aktuelle Studie, schauen wir durchschnittlich auf unser Handy! Folgen sind Nackenprobleme oder Rückenschmerzen. In der medizinischen Fachsprache wird vom RSI-Syndrom gesprochen: Repetitive Strain Injury – Verletzung durch wiederholte Fehlbelastung. Konkret kann man sich das so vorstellen: Der Kopf wiegt etwa 4 bis 6 kg. Bei einer Neigung von 15 Grad werden etwa 13 kg auf den Rücken (Halswirbelsäule) übertragen. Bei einer Neigung von etwa 45 Grad wirken aber 20 bis 27 kg auf den Rücken! Die Beugung der Wirbelsäule nach vorn nennt man medizinisch Ventralflexion. Das bedeutet: Die Halswirbelsäule ist einer enormen Kraftanstrengung ausgesetzt, sie versucht also, dieser Belastung muskulär entgegenzuwirken. Dabei verschlechtert sich die Blutversorgung, die Bänder werden gedehnt, die Muskulatur wird angespannt und verspannt. Langfristig können segmentale Funktionsstörungen im Halsbereich auch zu starken Kopfschmerzen führen.

Zur Vorbeugung einige Tipps. Nehmen Sie möglichst eine neutrale Haltung ein: Telefonieren Sie mit einem Kopfhörer und eingebauten Mikrophon oder halten Sie das Smartphone hoch vor das Gesicht, das Display auf einer Höhe mit den Augen. Senken Sie die Augen anstelle des Kopfes! Versuchen Sie, falsche Bewegungsmuster zu meiden. Legen Sie immer wieder Pausen ein, dabei sind mehrere kurze Pausen günstiger als wenige lange. Lockerungsübungen für Schultern und Hals sind wichtig, beispielsweise Schulterkreisen. Empfehlenswert ist auch ein Fingerball zur Selbstmassage der Muskulatur. Wie immer ist regelmäßige körperliche Aktivität im Alltag zu empfehlen.

Wir bewegen uns zu wenig, die Jugend leider noch weniger – wird Ihre Aussage „Turne bis zur Urne“ nicht mehr ernst genommen?

Bei den meisten von uns liegt es am Lebensstil: Wir bewegen uns leider zu wenig, sitzen zu viel – beispielsweise im Büro – und dann auch noch oft falsch. Dadurch verspannen sich die Muskeln, die die Wirbelsäule stützen und einen Großteil des Gewichts abfedern, das auf der Wirbelsäule lastet. Etwa 80 Prozent aller Rückenschmerzen sind auf verspannte Muskulatur zurückzuführen. Kommt noch Übergewicht dazu, ist der Rücken besonders gefährdet. Weitere Schmerzursachen können eingeklemmte Nerven, verschobene Bandscheiben und einseitige Belastungen sein, sowie Verrenkungen durch Unfälle. Verschleiß ist dagegen nur zum kleineren Teil für Rückenschmerzen verantwortlich. Etwa zehn Prozent der Rückenschmerzen sind auf Blockaden oder Verschleiß (Arthrosen) der Wirbelgelenke und nur 3 bis 4 Prozent auf Veränderungen der Bandscheiben zurückzuführen.

Nicht übersehen darf man auch den Zusammenhang mit der Psyche: Der Rücken muss alles „tragen“, so auch Stress und seelische Belastungen. Denn der Rücken ist nicht nur ein Körperteil, sondern wirklich ein ganz zentrales psychosomatisches Organ! Stress treibt uns an, etwas zu tun. Aktiv zu sein, das eigene Leben zu gestalten, körperlich und geistig in Bewegung zu sein. Chronischer negativer Stress ist es jedoch, der zu Anspannung, dann zur Verspannung und dann möglicherweise zu chronischen Schmerzproblemen führt. Wer unter Dauerbelastung steht, zieht instinktiv die Schultern hoch. Das ist eine ganz natürliche, unbewusste Abwehrhaltung. Diese Körperhaltung bremst auch die Beweglichkeit des Brustkorbs. Die Drehbewegungen zwischen Hüfte und Schultern werden immer anstrengender, bis es richtig weh tut.

Und, ja, leider ist eine Zunahme von Rückenschmerzen bei Kindern und auch mehr und mehr bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen festzustellen. Etwa 70 Prozent aller Kinder und Jugendlichen zwischen 10 und 17 Jahren klagen den Studien nach zwischendurch schon über Rückenschmerzen. Wie bereits gesagt: Viele sitzen zu viel, da spielt die Computer- und Handykultur eine Rolle, der Sportunterricht fällt aus, Kinder werden viel von Eltern zur Schule und zu anderen Einrichtungen gefahren. Wir sollten dringend gegensteuern, sonst bekommen unsere „Couch Potatoes“ viele Erkrankungen. Jetzt sollten wir gezielt präventiv tätig werden!

Welche Methoden, besonders im ambulanten Bereich, können Sie empfehlen?

Bei chronischen Verspannungen bitte regelmäßig massieren und osteopathisch oder mit Akupunktur/Akupressur oder Schröpftechniken behandeln lassen. Auch Yoga oder spezielle Dehnübungen für den Nacken und ein gezieltes Rückentraining sind hilfreich, wie ich sie in meinem Großen Rückenbuch beschrieben habe. Auch Sauna, lokale Wärmeanwendungen oder ein wärmender Rückenbalsam tun gut. 

In den interdisziplinären Grönemeyer Instituten für Mikrotherapie handeln wir nach dem Grundsatz „micro is more“ – so wenig wie möglich, so viel wie nötig. Je nach Diagnose ergibt sich ein individueller, multimodaler Therapieansatz.

Medikamentöse Mikrotherapie bedeutet, dass lokal abschwellende oder anti-entzündliche Medikamente gezielt unter Sicht punktgenau in den Körper injiziert werden. Behandelt werden beispielsweise leicht vorgefallene Bandscheiben durch die sogenannte Periradikuläre Mikrotherapie (PRT), die ich Ende der 90er Jahre entwickelt habe. Der Bandscheibe wird lokal etwas Wasser entzogen und der Nerv kann abschwellen und sich wieder beruhigen. Auch die kleinen Wirbelgelenke können bei Rücken-, Nacken- oder Kopfschmerzen im Rahmen einer mikrotherapeutischen Behandlung (Facettenbehandlung) mit antientzündlichen Medikamenten infiltriert, bei chronischen Schmerzen Nervenendigungen mit lokalen Hitzereizen gezielt im Computertomographen  ruhig gestellt (verödet) werden. An und in Hüft-, Schulter-, Kniegelenken und kleinen Gelenken können auch zielgenau lokal wirkende Schmerzmittel oder künstliche Gelenkflüssigkeit eingebracht werden.

Bei chronischen Rückenschmerzen ist aufgrund der vielfältigen möglichen Ursachen eine Analyse durch ein inter-disziplinäres Ärzteteam sehr wichtig. Die Operation steht ganz am Ende, Notfallsituationen natürlich ausgenommen. Unumgänglich wird eine Operation, wenn ein Nerv stark eingedrückt wird, z.B. durch einen Massenvorfall einer Bandscheibe oder bei stärksten Schmerzen und Lähmungen durch einen Vorfall. Das ist aber ein seltenes Ereignis. In nur etwa drei Prozent der Rückenpatienten muss überhaupt die Bandscheibe operiert werden. 

Fakten

Er ist praktizierender Arzt, Professor e. M. für Radiologie und Mikrotherapie an der Universität Witten/Herdecke und Verfasser zahlreicher Bestseller. Er steht für das Teamwork der verschiedenen medizinischen Disziplinen genauso wie für die ganzheitliche Wahrnehmung von Körper, Geist und Seele zum Wohle der Patienten.

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Journalist

Jörg Wernien

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