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Viele Menschen entdecken im Alter Dinge, die sie schon längst hätten tun können

Sexologin Ann-Marlene Henning spricht über das neu entdeckte Bedürfnis nach Sex in späteren Jahren.

Sex und Lust sollten eigentlich auch im Alter die normalsten Sachen der Welt sein, tatsächlich jedoch ist beides immer noch tabubehaftet.


Ann-Marlene Henning, Sexologin, Autorin, Moderatorin und Sextherapeutin, Foto: Nele Martensen

Lust? Hat man auch noch mit 60, 70 und sogar 90 Jahren. Die Sehnsucht nach Berührung und Liebkosung brauchen Menschen wie die Luft zum Atmen, bekanntermaßen werden Säuglinge ohne Körperkontakt und Zuwendung nicht alt. Auch im letzten Viertel des Lebens merken immer mehr Menschen, dass ihnen dieser Körperkontakt, und zwar auch der sexuelle, sehr fehlt. Sex und Lust sollten eigentlich auch im Alter die normalsten Sachen der Welt sein, tatsächlich jedoch ist beides immer noch tabubehaftet. 

„Das größte Problem dabei sind nicht die Gleichaltrigen – sondern häufig die 50 bis 60 Jahre alten Kinder der Verliebten“, sagt Ann-Marlene Henning, bekannte Sexualtherapeutin, Inhaberin der Praxis „Doch noch“, und Autorin mehrerer Bücher zum Thema Sex. Die fänden das oft anstößig und reagierten erschüttert, wenn Mutter oder Vater einen neuen (Sexual-) Partner präsentierten. Generell wird nach wie vor auch besonders der weibliche Körper beurteilt und oft genug auch verurteilt. Der Mythos „Ab 50 Jahren können Frauen keinen Sex mehr haben, weil sie dann austrocknen“ hält sich hartnäckig und wird so oft verbreitet, bis viele Frauen das selber glaubten, so die Sexualexpertin. Auch damit einhergehende, körperliche Veränderungen der Wechseljahre werden oft zu regelrechten Diagnosen. 

„Wer sich informiert und weiß, wie die inneren und äußeren Veränderungen während der Menopause vor sich gehen, kommt meistens viel besser damit klar“, sagt Ann-Marlene Henning. „Natürlich gibt es Frauen, die in jungen Jahren stark von PMS gebeutelt wurden. Oftmals haben sie dann auch stärkere Wechseljahresbeschwerden wie die nächtlichen Schweißausbrüche. Zum Glück werden diese ‚Wechsel‘ in der Menopause weniger, wenn die hormonelle Umstellung vollzogen ist.“ Ann-Marlene Henning empfiehlt dazu das Buch „Die Weisheit der Wechseljahre“ von Dr. med. Christiane Northrup. Die Ärztin beschreibt auch anhand von Studien, dass diejenigen, die sich mit sich selbst und ihren Bedürfnissen beschäftigen, die Veränderungen eher positiv sehen.

Denn das Schöne daran ist: Hat man die Jugend einige Dekaden hinter sich gelassen, wird der Sex viel entspannter. Mann und Frau können sich endlich voll und ganz fallen lassen. Die lästige Verhütungsfrage ist durch, man kennt seinen Körper besser und ist insgesamt viel gelassener und entspannter im Umgang mit Sexualität – denn man blickt ja auf eine 40- bis 50-jährige Erfahrung zurück. Ist die Frau dann tatsächlich manchmal zu trocken, gibt es genügend guter Gleitcremes. „Die schlechten allerdings sind oft klebrig, denn sie beinhalten Zuckerkügelchen, die dann reiben und schmerzen können“, so die Expertin. 

Männer kümmern sich im Übrigen viel weniger um ihre Andropause, obwohl auch sie gravierende Veränderungen durchmachen. Viele beschäftigen sich weder mit sich selber, noch holen sie sich Hilfe bei seelischen und sexuellen Problemen, stattdessen vereinsamen sie oft. Um die gewohnte Erektion auch im fortgeschrittenen Alter zu bekommen und zu halten, sind gesunde Gefäße nötig. Und selbst wenn die Gefäße gesund sind, sind sie trotzdem alt. Sehr viele Männer hätten immer noch die typische Choreografie „küssen, fummeln, Penetration, fertig“ im Kopf. Aber das reicht für einen älteren Penis meistens nicht. „Einige meiner alten Damen sind darüber sogar regelrecht erfreut und sagen, herrlich, dass wir so alt geworden sind, denn jetzt brauchen die Männer auch endlich mal ein Vorspiel!“

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Journalist

Katja Deutsch

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