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Roland Rad, Direktor des Instituts für Molekulare Onkologie und Funktionelle Genomik an der TU München DIGITALISIERUNG

Der Blick in die Zukunft ist optimistisch

Die Grundlagenforschung verzeichnet große Erfolge gegen den Krebs. Vor allem die Immuntherapie macht Hoffnung. Aber die Herausforderungen bleiben groß.

Die individuellen Genomschäden eines Patienten können heute quasi über Nacht entschlüsselt werden.

Krebs verursacht mehr als ein Viertel der Todesfälle in Europa. Diese Zahl lässt kaum erahnen, dass die Krebsmedizin gegenwärtig beachtliche Erfolge erzielt und als Folge dessen eine Entwicklung eingeschlagen hat, die weitläufig unter dem Begriff „Präzisionsonkologie“ zusammengefasst wird. Präzisionsonkologie steht für das Konzept einer individualisierten und zielgerichteten Krebstherapie entsprechend molekularer Tumoreigenschaften des Patienten.

Die wesentlichen Säulen dieser Entwicklung sind bahnbrechende Fortschritte in der Grundlagenforschung, die grundlegend neue Einblicke in die Biologie von Krebserkrankungen brachten. Wir wissen erst seit den 1970er Jahren, was Krebs ist – eine Erkrankung, die durch Schädigung des Erbguts einer Zelle entsteht. Seitdem wurden zahlreiche biochemische und zelluläre Prozesse der Krebsentstehung aufgedeckt. Das Verständnis solcher molekularer Vorgänge ist Grundlage dafür, Wirkstoffe zu entwickeln, um diese gezielt anzugreifen.

Ein Teil dieser Entwicklung ist auch die Revolution der Genomanalyse. Diese führte dazu, dass die genaue Abfolge der Milliarden von Erbgutbausteinen genau erfasst und die zahlreichen Schädigungen eines Krebsgenoms hochpräzise identifiziert werden können. Weltweit haben Forscher in den letzten Jahren tausende Tumoren sequenziert und hierbei gewissermaßen die Enzyklopädie genetischer Veränderungen bei einzelnen Krebsarten erstellt. Die individuellen Genomschäden eines Patienten können heute quasi über Nacht entschlüsselt werden. Die Beobachtung, dass manche dieser Veränderungen „Achillesversen“ des Krebses darstellen, ermöglichte die Entwicklung zielgerichteter Therapien, mit bemerkenswerten Behandlungserfolgen bei manchen Krebsarten.

Die eindrucksvollsten Fortschritte in der Krebsmedizin verzeichnete in den letzten Jahren die Immuntherapie. Hierunter werden Ansätze zusammengefasst, die das körpereigene Abwehrsystem gegen Krebszellen aktivieren. Die Immuntherapie erzielte zuletzt bahnbrechende Erfolge bei aggressiven Krebsen, wie bestimmten Haut- und Lungentumoren. Dem ging eine jahrzehntelange Erforschung des komplizierten Zusammenspiels von Zellen und Molekülen des Immunsystems mit Tumorzellen voraus. Die hochkomplexen Zusammenhänge können nur in Organismen untersucht werden; und so stammen wesentliche Erkenntnisse aus genetischen Mausmodellen, von der Entdeckung der zentralen Moleküle und der Aufdeckung ihrer Funktion, bis hin zur Entwicklung der Therapiekonzepte und deren Testung. Immuntherapie gilt als der größte Hoffnungsträger der Krebsmedizin und veranschaulicht die enormen Leistungen moderner Wissenschaft.

Nichtsdestotrotz sind die Herausforderungen weiterhin groß. Während manche Krebsarten heute bereits chronifiziert oder gar geheilt werden können, sind die therapeutischen Optionen bei anderen Tumoren, wie Bauchspeicheldrüsenkrebs, weiterhin begrenzt. Wir müssen die Tumorbiologie besser verstehen, neue Zielstrukturen entdecken, Wirkstoffe entwickeln, und wir müssen strukturelle Hürden bei der Umsetzung der Präzisionsonkologie in die Versorgungsrealität überwinden. Mehr denn je kann man aber optimistisch in die Zukunft blicken.

Fakten

Roland Rad ist der Direktor des Instituts für Molekulare Onkologie und Funktionelle Genomik an der TU München 

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Roland Rad

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