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Julia Hagen, Bereichsleiterin Health & Pharma Bitkom e. V. BILDUNG & KARRIERE

Die digitale Zukunft wartet nicht

Im Interview mit Julia Hagen, Bereichsleiterin Health & Pharma, Bitkom e. V. über Herausforderungen und Trends im E-Health Bereich, die Zukunft der Medizin und Innovationen.

Wo sehen Sie die wichtigsten Trends und Herausforderungen im E-Health-Bereich?

Die Digitalisierung birgt im Gesundheitsbereich große Chancen. Digitale Technologien bieten in der Gesundheitsbranche viele Vorteile für den Menschen – ob als Vorsorgender, Patient oder Mediziner – und eröffnen neue Möglichkeiten für die Lebensqualität und die medizinische Versorgung. Die Menschen in Deutschland werden immer älter. In ländlichen Regionen sind die Ärzte überlastet – gerade da könnten digitale Technologien am meisten bewirken. Perspektivisch wird eine umfassende Patientenversorgung künftig nur noch mit digitaler Unterstützung funktionieren. Das Ziel muss sein, diesen medizinischen Fortschritt allen Deutschen gleichermaßen zur Verfügung zu stellen. Noch herrscht in der Medizin ein Zusammenspiel aus der alten und neuen Welt, die in der Praxis immer häufiger aufeinanderprallen. Doch die digitale Zukunft des Gesundheitswesens wird schon bald aus ihrer Nische herauswachsen. Zu der Offenheit gegenüber digitalen Technologien müssen sich also nun noch Mut und Entschlossenheit gesellen.

Wie stellt sich der Bitkom die Medizin in zehn Jahren vor?

In der perfekten Welt haben wir dann eine vernetzte Versorgung ohne Informationsbrüche. Wir haben mit der elektronischen Patientenakte ein zentrales Vehikel, das sicher über die Telematik-Infrastruktur transportiert werden kann. Die Patienten können über Wearables Gesundheitsdaten sammeln und haben die Möglichkeit, die Informationen aufbereitet und gefiltert an ihren Arzt weiterzugeben. Und wir sind natürlich auch räumlich weniger an Ärzte gebunden. Aus Industriesicht sollte es Schnittstellen geben, über die die Patientendaten pseudonymisiert zur Versorgungsforschung gelangen, um damit zeitnah und bedarfsgerecht Innovationen zur Verfügung zu stellen. Wir werden dann mit Big-Data-Anwendungen in der Lage sein, präzisere Behandlungsmethoden zu entwickeln. Und last but not least: Wir haben natürlich auch fundamental die Prozesse beschleunigt, nach denen neue digitale Ansätze für Behandlung oder Diagnose in die Versorgung kommen.

Auch Startups bringen Innovationen im E-Health-Bereich. Viele beklagen allerdings, dass eine zu starke Regulierung, etwa bei der Zertifizierung neuer Medizinprodukte, Innovationen verhindert. Muss das deutsche Gesundheitssystem hier flexibler und innovationsfreudiger werden? 

Das größte Problem von vielen Startups oder Gründern in diesem Bereich ist es, einen guten Zugang zum Markt zu bekommen. In Deutschland ist das besonders schwierig. Der erste Gesundheitsmarkt ist enorm reguliert und der Selbstzahlermarkt ist de facto nicht vorhanden. Wir brauchen eine Diskussion darüber, welche digitalen Lösungen einen Weg in die Versorgung finden können und wie dieser aussieht. Es fehlte bislang eine grundsätzliche Vision, wo wir hinwollen, und eine Strategie, die aufzeigt, wie wir gemeinsam die Zukunft unserer Gesundheitsversorgung gestalten. Der Koalitionsvertrag will das ändern. Bis 2020 sollen eine Vision und Strategie für die Digitalisierung im Gesundheitswesen festgelegt werden. Das ist ambitioniert, aber man hätte mit dieser Diskussion eigentlich schon vor der letzten Legislaturperiode beginnen müssen. Für Startups sind das gefühlt Jahrhunderte. Unabhängig davon brauchen wir zügig Breitband-Internet in jedem Dorf – auch im Pflegeheim – und die gemeinsame Telematik-Infrastruktur zur Vernetzung von Ärzten, Apothekern, Krankenhäusern etc.

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Journalist

Christiane Meyer-Spittler

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