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Stephanie Krone, Pressesprecherin des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs e. V. (ADFC) WELLBEING

Wir brauchen die Verlagerung im großen Stil

ADFC-Verkehrsexpertin Stephanie Krone im Interview über den boomenden Trend Fahrrad.

Während der Pandemie haben viele Menschen in Deutschland das Fahrradfahren wieder entdeckt. Notlösung oder langfristiger Trend? „Der Fahrradboom wird ein neuer Dauerzustand, da sind wir sicher“, sagt ADFC-Verkehrsexpertin Stephanie Krone. „Denn die Deutschen haben schon vor Corona die neue Lust am Radfahren entdeckt, die Pandemie hat das nur verstärkt. Der Trend kommt aus dem wachsenden Bewusstsein, dass zu viel Autofahren schadet – der Figur und der Umwelt.“ 65 Prozent schwingen sich auf ihren Drahtesel, 44 Prozent sogar mehrfach die Woche. 

Interessant dabei ist, dass sich in Städten deutlich mehr Menschen auf dem Fahrrad fortbewegen als auf dem Land: 45 Prozent Stadtbewohner gegenüber 33 Prozent Landbewohner. „Der Grund liegt im relativ schlecht ausgebauten ÖPNV auf dem Land“, sagt Stephanie Krone. „Die Menschen gewöhnen sich einfach daran, dass sie für alle Wege das Auto nutzen, auch bei kurzen Entfernungen.“ In der Stadt dagegen wird ein Alltag ohne Auto immer normaler. 

Dennoch empfinden sieben von zehn Radfahrern ihren Radalltag als eher unangenehm und unsicher. Das liegt an den meist schlechten, bruchstückhaften und völlig unterdimensionierten Radwegen und an dem immer noch viel zu aggressiven Autoverkehr. Corona hat daran kaum etwas geändert. Stephanie Krone: „Wir brauchen wirklich schnellstens gute, flächendeckende Radwegenetze. Dafür stellt das Bundesverkehrsministerium übrigens seit diesem Jahr Rekordmittel zur Verfügung.“

Nimmt die Politik die Bedürfnisse der Radfahrer nach besseren Wegen und mehr Sicherheit ernst genug? Stephanie Krone bejaht das. „Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass wir mal einen Bundesverkehrsminister der CSU haben, der das größte jemals dagewesene Radwege-Investitionsprogramm auflegt und klar sagt, dass der Autoverkehr für breitere Radwege Platz abgeben muss.“ Einfach ist dieses Unterfangen nicht. Denn die über Jahrzehnte hinweg priorisierten Autofahrer halten schon geringe Einschränkungen für eine Zumutung.

„Aber diesen Konflikt müssen zukunftsgewandte Politikerinnen und Politiker eingehen, denn mehr Autoverkehr geht nicht – wir brauchen die Verlagerung im großen Stil.“ In vielen Städten und Regionen nimmt man den Ausbau des Radwegenetzes ernst, fast immer als Reaktion auf den wachsenden Druck der Bevölkerung. Insgesamt hapert es hierzulande jedoch immer noch deutlich an Platz fürs Rad und an durchgängigen, intuitiv erkenn-baren Wegenetzen für den Radverkehr. Kreuzungen und Einmündungen sind für Radfahrer oft lebensgefährlich.

„Doch die touristischen Radwege in Deutschland sind ein Traum, um den uns die ganze Welt beneidet“, schwärmt die Verkehrsexpertin. „An Elbe und Weser, im Allgäu und an der Ostsee – aber auch im Ruhrgebiet zwischen alten Industriedenkmälern kann man ganz wunderbar Rad fahren.“ Vor der Pandemie hat der ADFC als weltweit größter Anbieter von geführten Fahrrad-touren weltweit jedes Jahr über 11.000 ADFC-Radtouren durchgeführt, von der leichten Feierabendrunde bis zu ganz-tätigen Spezialangeboten für Familien, Rennradbegeisterte, Mountainbiker oder Kulturinteressierte. „Wir hoffen, bald wieder ins Tourenprogramm einsteigen zu können. Die Menschen sind völlig verrückt danach, wieder mit Gleichgesinnten raus in die Natur und rauf aufs Rad zu steigen.“

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Journalist

Katja Deutsch

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