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Langes Sitzen kann krankmachen

Ursprünglich ist der Mensch eigentlich Jäger und Sammler. Und das bedeutet: Um Tiere zu erlegen, Pilze und Beeren zu sammeln, bedarf es einer Menge Bewegung. Doch der Mensch von heute tut genau das Gegenteil: Er sitzt stundenlang – vor allem im Büro, aber auch im Auto oder vor dem Fernseher.

„Sitzen ist das neue Rauchen“: Mit dieser These sorgte der Wissenschaftler James Levine im Jahr 2011 weltweit für Aufsehen. Mittlerweile gibt es unzählige Studien, die seine Aussage untermauern. Schon zwei Stunden Sitzen am Stück erhöhen danach das Risiko, an Darm-, Gebärmutter- oder Lungenkrebs zu erkranken oder aber ernsthafte Probleme mit dem Rücken zu bekommen. Denn infolge langen Sitzens leidet und degeneriert der gesamte Stütz- und Bewegungsapparat. Laut des Wissenschaftlichen Instituts der AOK lassen sich rund 23 Prozent aller krankheitsbedingten Arbeitsunfähigkeitstage hierauf zurückführen.

Andere Studien kommen sogar zu dem Ergebnis, dass Sitzen aufgrund der ausbleibenden körperlichen Bewegung die Lebensdauer verkürzt: Die Weltgesundheitsorganisation stuft körperliche Inaktivität mittlerweile als weltweit viertgrößte Todesursache ein. 

Dass die Menschen in Deutschland immer mehr zu Bewegungsmuffeln werden, bereitet auch den Wissenschaftlern der Sporthochschule Köln um Professor Ingo Froboese Sorge. Sie monieren, dass sich jeder zehnte Mensch in seiner Freizeit nie länger als zehn Minuten am Stück bewegt. „Das ist viel zu wenig, um eine wirksame Prävention zur Vermeidung oder Verringerung von Herz-Kreislauf- oder Stoffwechselkrankheiten zu erreichen“, sagt Prof. Gerd Glaeske, Leiter des „Länger besser leben“-Instituts, einer Kooperation der Universität Bremen und der Krankenkasse BKK24. Er beziffert die tägliche Sitzdauer mit fast acht Stunden und nennt als Beispiele das Sitzen bei der Arbeit, vor dem Fernseher und im Auto. Vergleicht man die Ergebnisse der Kölner Studie mit den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), wird das Bewegungsdefizit deutlich. Die WHO fordert mindestens 150 Minuten Bewegung täglich – mit mittlerer Anstrengung wie zum Beispiel schnelleres Gehen oder Schwimmen. Alternativ empfiehlt sie 75 Minuten intensive körperliche Aktivität wie Joggen oder zügiges Radfahren. Haben vor zehn Jahren noch 60 Prozent diese Empfehlungen umgesetzt, sind es jetzt nur noch 43 Prozent. Darin sieht Professor Froboese ein „trauriges Ergebnis“ und warnt daher vor Gefahren wie Herzinfarkt, Diabetes und einem generell höheren Risiko, früher zu sterben.

Die gute Nachricht: Abhilfe ist möglich, auch im Büro. Experten raten dazu, mindestens alle 30 Minuten einmal die Arbeit im Sitzen zu unterbrechen und gezielt für ein paar Minuten aufzustehen. Auch während des Telefonierens ist es empfehlenswert, zu stehen oder herumzulaufen. Und wer viel am Computer arbeitet, sollte mal einen Stehtisch ausprobieren. Dass das viel bringen kann, hat ein wissenschaftliches Team um Charlotte Edwardson von der University of Leicester gezeigt. Das Team stellte Büroarbeitern höhenverstellbare Tische zur Verfügung. Ein kleines Gerät zeichnete die körperliche Aktivität der Teilnehmer auf. Die Auswertung ergab, dass das Stehtisch-Programm die tägliche Sitzzeit um mehr als eine Stunde am Tag verkürzte. Außerdem fanden die Wissenschaftler Hinweise auf eine verbesserte Arbeitsleistung, mehr berufliches Engagement und im Vergleich zur Kontrollgruppe vor allem weniger Schmerzen im unteren Rücken.

Zugegebenermaßen kann nicht jeder gut im Stehen arbeiten. Wer sich dazuzählt, sollte zumindest auf einem rückengerechten Bürostuhl Platz nehmen, der sich individuell an die eigenen Bedürfnisse anpassen lässt. Eine gut eingestellte Sitzhöhe und Rückenlehne sorgen für eine bessere Haltung während der Bildschirmarbeit. Anpassbare Armstützen unterstützen eine rückenfreundliche Sitzposition durch Entlastung der Schultermuskulatur zusätzlich. Verändert man seine Sitzhaltung, bewegt sich ein guter Bürostuhl aufgrund der mehrdimensionalen Beweglichkeit der Sitzfläche mit. Ob Sitzen in Arbeitshaltung, aktives Wippen und Drehen oder rückentlastendes Zurücklehnen: Die natürlichen Bewegungen des Körpers werden so unterstützt und gefördert.

Wie bei so vielen Dingen im Leben gilt auch hier die Devise: Je besser die Qualität des Bürostuhls, desto länger wird er voraussichtlich halten. Doch manchmal ist die Zeit eben auch reif für ein neues Modell. Grundsätzlich gilt: Arbeitgeber müssen ihren Mitarbeitern einen sicheren und gesundheitsfördernden Arbeitsplatz zur Verfügung stellen. Dabei haben sie die gesetzlichen Ergonomie-Vorschriften einzuhalten, die im BGB und im Arbeitsschutz geregelt sind. 

In jedem Fall lohnt es sich, beim Kauf eines Bürostuhls auf Qualität und Komfort zu achten. Dabei macht es keinen Unterschied, ob man im Chefsessel sitzt oder einfacher Angestellter oder Freiberufler ist.

Die Erfahrung zeigt, dass sich günstige Stühle nach dem Kauf oftmals als Fehlinvestition erweisen. Die verwendeten Materialien sind meistens nicht wirklich hochwertig, so dass sich erste Schäden und Risse oft schon nach kurzer Nutzungsdauer einstellen. Oder der Stuhl verliert schon nach wenigen Monaten seine komplette Statik. Das hat zur Folge, dass man die Schiefe oder das Wackeln des Stuhls durch schiefes Sitzen auszugleichen versucht. Dass dann Rückenprobleme auftauchen, wird niemanden verwundern.

Tipps für Menschen, die viel sitzen

• Beim Telefonieren nicht sitzenbleiben sondern herumgehen 

• Die Sitzposition öfter mal wechseln 

• Pausen bewusst für kleine Spaziergänge nutzen

• Besprechungen auch mal im Stehen abhalten

• Statt der Rolltreppe oder des Lifts die Treppe benutzen

• Wann immer möglich, zu Fuß gehen oder das Fahrrad benutzen

Fakten

Britische Forscher fanden heraus, dass körperliche Inaktivität für mehr als doppelt so viele Todesfälle verantwortlich ist wie starkes Übergewicht. Eine amerikanische Studie hat ergeben, dass sechs Stunden im Sitzen täglich das Risiko um bis zu 40 Prozent erhöhen, innerhalb der nächsten 15 Jahre zu sterben.

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Journalist

Chan Sidki-Lundius

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