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Dr. Christine Lemaitre: Nachhaltig wird das neue Normal

Für die Baubranche rückt der  Kampf gegen den Klimawandel zunehmend auf die Ebene der  strategischen Entscheidungen,  sagt DGNB-Geschäftsführerin Dr. Christine Lemaitre.

Für einige ist das Thema Nachhaltigkeit inzwischen zum Teil des Kerngeschäfts und damit ein stückweit zum Standard geworden.

Alle reden von der Bedeutung der  Nachhaltigkeit, um den Klimawandel  zu stoppen. Gilt sie aber wirklich schon als Standard in der Bauwirtschaft?

Die Bauwirtschaft ist sehr heterogen mit vielen unterschiedlichen Akteuren. Für einige ist das Thema Nachhaltigkeit inzwischen zum Teil des Kerngeschäfts und damit ein stückweit zum Standard ge-worden. Anderen hinken aber nach wie vor weit zurück. Wir als DGNB spüren aber gerade in den letzten zwölf bis 18 Monaten einen enormen Bedeutungszuwachs für die vielfältigen Themen der Nachhaltigkeit. Es rutscht von der rein technisch-fachlichen Ebene zunehmend auf die strategische Entscheiderebene. Damit kommen wir auf dem Weg hin zu Nachhaltigkeit als neuem Normal entscheidend weiter.

Wie unterstützt das DGNB-Zertifikat für Nachhaltigkeit die Unternehmen?

Die Zertifizierungssysteme der DGNB bieten als Planungs- und Optimierungstools den am Bau beteiligten Akteure eine transparente, gemeinsame Wissens- und Entscheidungsgrundlage, um systematisch die Nachhaltigkeitsqualität eines Projekts zu verbessern. Und das von Anfang an, ohne, dass es mehr kosten muss. Die The-men sind doch viel zu wichtig, als dass wir sie nicht messen und das gebaute Ergebnis entsprechend verifizieren. Genau hierfür dient die Zertifizierung des Weiteren als Qualitätssicherungsinstrument. Wir über-setzen Nachhaltigkeit gerne mit Qualität und Zukunftsfähigkeit. Dabei geht es um Mehrwerte für Klima und Umwelt genauso wie für uns Menschen als Gebäudenutzer mit unserem Bedürfnis nach Gesundheit und Wohlbefinden. Zudem unterstützt eine Zertifizierung auch im Hinblick auf ökonomische Aspekte, indem es zum Beispiel hilft, dass Entscheidungen abgewogen und bewusst getroffen werden. 

Wie wichtig ist es, den gesamten Lebenszyklus eines Bauprojekts zu erfassen?

Dies ist aus vielerlei Hinsicht elementar. Wir befinden uns mitten im Klimawandel und auch andere große Themen kommen auf uns zu wie die Ressourcenverknappung, Veränderungen in der Gesellschaft sowie der Verlust der Biodiversität. Das heißt, wir müssen mit unseren Planungen diese Zukünfte einplanen und voraus-schauend agieren. Gesetze und Normen helfen hier nicht, da sie ja immer auf den vergangenen Erfahrungen und Daten basieren. Damit kann man keine zukunfts-fähigen Gebäude und Quartiere planen. Elementarer Teil der Lebenszyklusbetrachtung ist z. B. die Ermittlung der Umweltwirkungen wie die CO2-Emissionen. Hierfür gibt es das Prinzip der Ökobilanzierung. Aber auch aus wirtschaftlicher Sicht ist die Lebenszyklusperspektive wichtig. Wenn man bei den Planungs- und Baukosten zu sehr spart, während der Nutzungsphase aber ungleich höhere Kosten für Betrieb, Wartung, Reinigung und Modernisierung anfallen, wird schnell klar, dass dies eine Milchmädchenrechnung ist. Und ein rein ökologisch optimiertes Haus, das nachher leer steht oder im schlimmsten Fall sogar abgerissen wird, weil es sich niemand leisten kann, ist alles, nur nicht nachhaltig.

Welche Rolle kommt der Kreislaufwirtschaft für die Baubranche zu und wie weit sind wir hier schon?

Die Prinzipien einer Circular Economy sind ganz zentral für das nachhaltige Bau-en. Die DGNB fördert dies schon seit ihrer Gründung 2007 und es ist jeher in unseren Zertifizierungssystemen verankert. Und so langsam verstehen dies auch immer mehr Unternehmen der Bau- und Immobilienwirtschaft. Ehrlichweise stehen wir aber noch sehr am Anfang und reduziert sich eher auf einige Leuchtturmprojekte, anstatt in der Breite angekommen zu sein.

Müssen bei der Kreislaufwirtschaft alle beteiligten Unternehmen eng  zusammenarbeiten?

Ja, unbedingt. Das gilt generell für das nachhaltige Bauen. Das fängt schon bei einem möglichen Rückbau des Gebäudes an, wo Bauherren, Planer und die Unternehmen der Abbruch- und Entsorgungswirtschaft erstmal richtig zusammen-finden müssen. Auch die Hersteller von Bauprodukten sind gefragt, mehr anzubieten und enger mit den übrigen Beteiligten zusammenzuarbeiten. Zudem können hier Kommunen über entsprechende Formen viel Positives bewirken. 

Welche Rolle spielt die EU mit ihren Vorgaben für Nachhaltigkeit?

Die EU hat mit ihrem Green Deal einen sehr wichtigen Impuls gesetzt und über die damit verbundenen Aktivitäten wie der Einführung der EU-Taxonomie die Spielregeln in der Immobilien- und Finanzwirtschaft wesentlich verändert. Ein Wegducken ist nun schwerer möglich, weshalb die EU zu einem echten Treiber für mehr Nachhaltigkeit geworden ist.

Fakten

Dr. Christine Lemaitre engagiert sich seit Jahren für die Förderung des nachhaltigen Bauens und wurde dafür 2019 mit dem Eco Innovator Award des Global Green Economic Forum ausgezeichnet. Sie gründete unter anderem die Initiative Building Sense Now, die sich weltweit für eine klima- und kulturgerechtere Bauweise einsetzt. 

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Journalist

Armin Fuhrer

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