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Dr. Michael Müller-Wünsch, CIO der OTTO-Group DIGITALISIERUNG

OTTO: Der Versandriese und die Corona-Krise

Plötzlich war ein ganzer Konzern im Homeoffice. So stellte sich die Situation für den OTTO-Konzern zu Beginn der Pandemie da. Viel Arbeit für den CIO des Konzerns. Dr. Michael Müller-Wünsch ist der CIO der OTTO-Group, wir haben mit ihm über die Pandemie, die Folgen und natürlich auch die Zukunft des Konzerns gesprochen. 

Ich denke, dass kein Unternehmen mit solch einer Ausnahmesituation wie der Corona-Pandemie gerechnet hat.

Herr Dr. Müller-Wünsch, wie sind Sie persönlich bis jetzt durch die Pandemie gekommen? 

Für mich war es erstmal eine Umgewöhnung. Seit fast einem Jahr findet der Austausch mit KollegInnen nur virtuell statt, das verändert die Kommunikation enorm. Deshalb habe ich Routinen und Austauschformate eingeführt, um den Kontakt zu KollegInnen zu halten. Außerdem gewöhnte ich mir an, jeden Termin fünf Minuten früher enden zu lassen, sprich: Ende ist um 13.55 Uhr statt um 14 Uhr. Damit bleibt etwas Zeit, um sich zu bewegen und den Kopf fürs nächste Meeting frei zu bekommen.

Wie hat es die OTTO-Group geschafft, durch die Krise zu kommen? 

Wir standen wie alle vor dem Ungewissen, so etwas hatte noch keiner von uns erlebt. Der Wechsel ins Homeoffice mit knapp 5.000 MitarbeiterInnen lief aber mehrheitlich sehr positiv. OTTO arbeitet bereits seit mehr als zwei Jahren mit einer ortsunabhängigen Cloud-Infrastruktur auf Basis von Office 365. Das heißt, dass beispielsweise der Zugang zu Arbeitsdokumenten und Informationen von vornherein gegeben war und auch technische Kommunikationstools für das virtuelle Arbeiten bereits zur Verfügung standen. Zudem sind die Mitarbeiten-den mit mobilen Devices ausgestattet. Insofern waren wir bereits vor der Corona-Pandemie gut fürs mobile Arbeiten ausgestattet.

Sie haben schon sehr früh auf Online, Digitalisierung und Disruption gesetzt – was machen Sie anders als andere? 

Das mag daher gesagt klingen, aber Veränderung ist für OTTO seit jeher ein fester Bestandteil der Unternehmenskultur. Wir schauen uns den Markt sehr genau an und versuchen, die Bedürfnisse unserer KundInnen möglichst früh zu erkennen und zu bedienen.   

Corona hat in der Modebranche schon einige Opfer gefordert, Adler musste jetzt auch Insolvenz anmelden – haben sich Ihre Mitbewerber nicht auf die neue Zeit vorbereitet? 

Ich denke, dass kein Unternehmen mit solch einer Ausnahmesituation wie der Corona-Pandemie gerechnet hat. Im Januar 2020 hätte ich mir jedenfalls noch nicht vorstellen können, dass wir drei Monate später fast mit der gesamten Belegschaft von Zuhause arbeiten, nur noch mit Masken einkaufen gehen und unsere Kinder im Homeschooling lernen. Bei allen Überlegungen steht die Gesundheit der Menschen an erster Stelle. Die Aussicht auf Impfstoff gibt Hoffnung. Anschließend bleibt abzuwarten, wie schnell sich die deutsche Wirtschaft erholen wird.

Jetzt wäre die Zeit den Fokus neu zu setzen – welche Ratschläge können Sie geben?

Ratschläge zu geben ist schwierig, weil nicht jedes Unternehmen vor den gleichen Herausforderungen steht bzw. unterschiedliche Ausgangsvoraussetzungen hat. Bei uns klar im Fokus: Die Consumer Obsession. Darunter verstehen wir die User Experience unserer KundInnen, Partner, Lieferanten sowie unserer Mitarbeitenden. Dabei ist die Employee Experience der nachhaltige Baustein für eine wirksame Customer und Partner Experience. Deshalb ist es wichtig, dass wir unsere KollegInnen bestmöglich befähigen, auch unter herausfordernden Bedingungen ihre Potenziale und Ideen einbringen zu können.

Künstliche Intelligenz und der Versand-Onlinehandel – was passt und was passt nicht? 

Bei OTTO sind wir überzeugt, dass Künstliche Intelligenz (KI) gestaltbar ist. Dass KI das ist, was wir Menschen daraus machen. Deshalb haben wir ein Umfeld geschaffen, in dem KI verantwortungsvoll erdacht wird – immer verbunden mit der Leitfrage: Wie können neue Technologien unsere MitarbeiterInnen, KundInnen und Partner unterstützen. Wenn man sich als Organisation dieser ethischen Verantwortung bewusst ist, dann passen KI und Onlinehandel sehr gut zusammen.   

Setzen Sie KI schon ein, wenn ja, in welchen Feldern? 

OTTO nutzt Künstliche Intelligenz zum Beispiel, um KundInnen die für sie relevantesten Produkte auf otto.de zu empfehlen. Ein anderer Algorithmus erkennt automatisiert die häufigsten Aspekte der Bewertungen auf otto.de und identifiziert die Tonalität. KundInnen können die Kommentare dann nach den Aspekten sortieren, die andere NutzerInnen besonders häufig erwähnt haben – das sind nur ein paar Beispiele.

Stichwort Homeoffice – wie viele Ihrer Mitarbeiter arbeiten von Zuhause aus? 

Mobiles Arbeiten ist bei OTTO nicht neu gewesen, obwohl in unserem Unternehmen nie zuvor so viele Menschen langfristig von Zuhause gearbeitet haben. Von heute auf morgen waren fast alle 4.900 KollegInnen mobil tätig.

Bleibt das in den nächsten Jahren so und wenn ja, was machen Sie dann mit den leeren Büros?

Langfristiges Ziel von OTTO ist ein hybrides, aktivitätsbasiertes Arbeitsmodell, das die Vorteile von Campus- und mobiler Arbeit miteinander verbindet. Der Campus soll zukünftig vornehmlich für kollaboratives und kreatives Arbeiten sowie für die Vernetzung genutzt werden.

Fakten

Dr. Michael Müller-Wünsch ist seit dem August 2015 der Bereichsvorstand Technology (CIO) bei OTTO. Er hat bis jetzt maßgeblich zur digitalen Transformation in der OTTO-Group beigetragen. Wenn er Zeit findet, geht er gerne Tennis spielen oder golfen. Und im Urlaub geht es mal in die Alpen oder auf die Nordsee zum Hochseesegeln.

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Journalist

Jörg Wernien

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