European Media Partner

„Wir brauchen einheitlich definierte Standards.“

Die Bauwirtschaft ist bei der  Digitalisierung von vernetzten Lösungspaketen abhängig, die  allen Beteiligten gerecht werden und Nutzen bringen. 

Ein Breitbandausbau ist die zwingende Voraussetzung für die digitale Baustelle.

Reinhard Quast, Präsident des Zentralverbandes Deutsches Baugewerbe, Foto: Claudius Pflug

Die Digitalisierung entwickelt sich in der Baubranche etwas langsamer als in an-deren Branchen. Was sind die Gründe?

Das Baugewerbe ist in der Struktur der Einzelmaßnahmen komplex. In allen Bereichen wird an und mit digitalen Lösungen gearbeitet. Viele Mittelständler und Handwerksfirmen in unserer Branche sind mitten in der Umstellung von Prozessen und führen neue Arbeitsmittel ein. Nach außen werden diese Lösungen sichtbarer, wenn sie zu vernetzten Paketen zusammengebunden werden. Als nicht-stationäre Branche sind wir sehr stark auf die technische Infrastruktur angewiesen: Auf einer Baustelle im Funkloch nutzen digitale Lösungen wenig.

Warum hat gerade der Baumittelstand eher Probleme mit digitalen Prozessen und Tools?

Die Digitalisierung ist ein Thema sowohl für Großkonzerne als auch für Handwerksbetriebe. Der große Mittelständler braucht ebenso wie der Baukonzern geschlossene Lösungen, die alle Geschäftsvorgänge abdecken. Der Mittel-stand greift dann auf digitale Lösungen zurück, wenn diese mit Sicherheit einen großen Nutzen bringen und auch ohne Informatiker eingeführt werden können.

Bei öffentlichen Bauvorhaben ist das Building Information Modeling (BIM) seit Kurzem ja verbindlich. Was verändert sich dadurch und wie reagiert die Baubranche darauf?

Zunächst: BIM ist kein Allheilmittel. In erster Linie stellt BIM ein Modell dar, das die Echtzeitkontrolle des Baufortschritts ermöglicht. Wir brauchen bei dem Thema aber einheitlich definierte Standards und Schnittstellen. Hier gibt es noch keine flächendeckende Lösung. Nur wenn alle am Bau Beteiligten niedrigschwellig Zugang zu BIM-Modellen erhalten, bringt diese Technologie einen Durchbruch für die Branche insgesamt.

Welche Rolle spielen Start-ups wie Prop-Tech-Unternehmen, die die Baubranche unterstützen und die Modernisierung vorantreiben?

Wir haben über die letzten Jahre gesehen, dass etliche Gründer gute Ideen zur Verbesserung von Prozessen am Bau haben. Gerade der administrative und kaufmännische Bereich bietet hierfür Chancen. Auch neue Plattformen, beispielsweise zum Baumaschinen- und Fuhrpark-Management, werden von Bau-Start-ups entwickelt.

Inwieweit wird der Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) inklusive maschinellen Lernens immer wichtiger auch für die Baubranche?

Der Bereich Künstliche Intelligenz hat in der Bauwirtschaft die natürliche Intelligenz des Menschen noch nicht ersetzt. Im Bereich des Dokumentenmanagements gibt es aber bereits heute gute Ansätze. Künstliche Intelligenz wird sich dann am Bau entwickeln, wenn dort selbstlernende Module verfügbar sind, die wir mit existierendem Wissen und technischen Regeln speisen können.

In welchem Umfang hat die Vernetzung und Kommunikationsfähigkeit in der Baubranche Nachholbedarf, auch im Umgang mit Bauteilen und Baustoffen?

Bereits heute gibt es für die Baustellenlogistik viele digitale Anwendungen. Das können Konzepte aus der Sharing Economy sein, bei denen sich der Besitz von Baumaschinen und Geräten an der tat-sächlichen Nutzung orientiert. Oder auch der Einsatz von Virtual-Reality-Tools, beispielsweise zur Erdvermessung im Straßenbau. Für alle diese Innovationen gilt aber: Wir brauchen auf Baustellen flächendeckend die Infrastruktur für den Einsatz digitaler Technik.

Was kann die Baubranche über die  digitale Neuausrichtung noch tun, um in Sachen Nachhaltigkeit und der Erreichung der Klimaziele fortschrittlicher  zu arbeiten?

Als bauausführende Wirtschaft liegt für uns ein großer Hebel in einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft, inklusive kurzer Transportwege und einem hohen Grad an Wiederverwertung. Leider hat der Gesetzgeber hier wiederholt die Chance verpasst, günstige Rahmenbedingungen zu schaffen. Die hohe Recyclingquote am Bau zeigt aber, dass Umweltschutz für uns kein Fremdwort ist. Die Akzeptanz von Recycling-Baustoffen durch die öffentliche Hand muss allerdings noch gesteigert werden. Nachhaltigkeit am Bau muss den Lebenszyklus der Gebäude insgesamt berücksichtigen. Wir brauchen langlebige, gegen Naturgewalten und starke Beanspruchung konzipierte Gebäude. Naturereignisse und Feuerstürme haben früher ganze Städte vernichtet. Dazu darf es heute nicht mehr kommen. Ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit muss daher in die Länge gedacht werden.

Fakten

Der aus Siegen in Nordrhein-Westfalen stammende Reinhard Quast wurde 2018 zum Präsidenten des Zentralverbandes Deutsches Baugewerbe (ZDB) gewählt. Der ZDB ist der größte und älteste Bauverband in Deutschland mit rund 35.000 Mitgliedern. Quast ist zudem Vorstandsvorsitzender der OTTO QUAST Bau AG.

Teile diesen Artikel

Journalist

Helmut Peters

Weitere Artikel