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Die Reiselust der Deutschen ist ungebrochen

In Deutschland gab es im letzten Jahr fast 460 Millionen Übernachtungen im eigenen Land, mehr als die Hälfte davon im Hotel. Obwohl für deutsche Urlauber Themen wie Erholung und Entspannung eine große Rolle spielen, freuen sich auch immer mehr Menschen auf Kultur- und Städtereisen. 

Deutschland ist ein attraktives Reiseland. Wir genießen international ein ausgezeichnetes Image.


Reinhard Meyer, Präsident des Deutschen Tourismusverbandes (DTV), Foto: Benjamin Maltry

„Das hat sich zu einem solchen Boom entwickelt, dass man mancherorts Begriffe wie „Overtourism“ in den großen Städten diskutiert“, sagt Reinhard Meyer, Präsident des Deutschen Tourismusverbandes (DTV). „Dieses Phänomen gilt nicht nur für Venedig, sondern längst auch für Barcelona und Berlin.“ 82 Millionen Kurzurlaubsreisen der Deutschen im Jahr 2017, vorrangig mit den Wünschen nach Kultur und Natur, sprechen hier für sich.

Zunehmend rücken deshalb neben den großen Städten auch mittelgroße Städte ins Visier. Denn sie bieten ebenfalls viel Kultur, sind aber noch nicht so überlaufen. So manches Gebiet sorgt mit viel Aufwand für seine „Renaissance“, wie beispielsweise die Lüneburger Heide, der Schwarzwald, der Spreewald und die Sächsische Schweiz. Reinhard Meyer kennt ganze Regionen, die sich strategisch neu positionieren. „Ich persönlich finde, dass das in Rheinland-Pfalz in den letzten Jahren sehr gut gelungen ist“, lobt er. „Die Verbindung aus attraktiver Landschaft, regionaler Küche und Weinkultur ist optimal und weckt Neugier auf Urlaub im eigenen Land.“ Der Tourismusexperte, der unter anderem ein Studienjahr in der Pfalz verbracht hat, kommt immer wieder gern hierher zurück und kann deshalb die Entwicklung gut verfolgen.

Früher waren die beliebten Weinfeste nur etwas für die Einheimischen, man traf sich reihum auf den Dörfern, genoss den jungen Wein und aß dazu Saumagen oder Flammkuchen. Heute legt man sehr viel Wert darauf, dass auch Touristen kommen, die die authentischen und charmanten Feste ebenfalls lieben. „Dass Regionen wie die Pfalz ‚erwachen‘, merkt man auch an der gestiegenen Qualität bei den Unterkünften – dem A und O im Tourismus“, so der DTV-Präsident.

Groß ist auch der Wunsch, sich verwöhnen zu lassen und seiner Gesundheit im Urlaub etwas Gutes zu tun – und das gern auch im eigenen Land. Die beliebtesten Urlaubsregionen liegen dabei unverändert im Süden und im Norden des Landes. Gerade an Nord- und Ostsee sind im Sommer viele Hotels und Ferienwohnungen lange im Voraus ausgebucht und bieten kaum Kapazitäten für spontane Gäste.

Kommt dann alternativ ein Campingplatz infrage? „Auch hier ist viel passiert. Die heutigen Plätze haben so gut wie nichts mehr mit denen aus den 70er- oder 80er-Jahren zu tun. Denn auch hier muss die Qualität stimmen, angefangen bei den Sanitäranlagen über den Servicebereich bis hin zu den Unterhaltungsangeboten“, weiß Reinhard Meyer. „Einige Plätze bieten ein Animations- und Sportprogramm wie große Hotels und Ressorts. Auch alternative Unterbringungsformen wie Mobile Homes, Schlaffässer oder Schlafstrandkörbe sind beliebt.“

Letztes Jahr konnten die 3000 Campingplätze in Deutschland 31,1 Millionen Übernachtungen verbuchen – ein neuer Rekordwert. Über zwölf Milliarden Euro Umsatz haben Camping und Caravaning dabei in die Kassen gespült, wenn man die Gesamtaufwendungen wie Fahrzeuge und Ausrüstung miteinbezieht. Oftmals möchten ältere Kunden das „Camping-Gefühl“ behalten, aber auf bestimmte Luxusangebote nicht verzichten. Wahre Badetempel, Wellnessangebote und hochwertige Restaurants, die qualitativ denen großer Ressorts in nichts nachstehen, werden hier gern und häufig in Anspruch genommen.

Radreisen erfreuen sich seit Jahren steigender Beliebtheit. Knapp jeder fünfte Radreisende setzte sich dabei im letzten Jahr auf ein Pedelec. Besonders bei längeren Touren oder in anspruchsvollem Gelände bieten die Fahrräder mit Hilfsmotor angenehme Fahrerlebnisse. Auch wenn sich mittlerweile viele Full-Service-Angebote mit Gepäcktransport und mitreisendem Reparaturservice buchen lassen, schwingen sich die allermeisten Radfahrer immer noch lieber selbstbestimmt und ohne Zeit- und Streckenvorgaben auf ihren Drahtesel. „Sofern man während der Sommermonate nicht gerade den Radfernweg entlang der Elbe nutzt, wo wir zum vorherigen Reservieren einer Übernachtungsmöglichkeit raten, ist man als Radfahrer eben viel freier und unabhängiger und kann auch mal da bleiben, wo es einem am besten gefällt.“

Apropos Radfahren: neben Wandern ist Radfahren die nachhaltigste Art und Weise, Urlaub zu machen. Über Nachhaltigkeit wird zwar gern und oft geredet, die Realität sieht aber anders aus: 70 Prozent aller Deutschland-Urlauber aus dem eigenen Land reisen mit dem Auto an. Deshalb rät Reinhard Meyer dazu, zumindest vor Ort die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen. „Entscheidend ist ein gutes Angebot mit Bus und Bahn vor Ort. Attraktive Gästekarten, die Errichtung von Nationalparks und die Verwendung regionaler Produkte werden von den Gästen deutlich goutiert. Es ist sehr wichtig, hierfür ein Bewusstsein zu schaffen.“

Doch wie bekommt man überhaupt Gäste in seine Pension, in sein Hotel oder in seine Ferienwohnungen? Fest steht: Wer nicht im Internet präsent ist, verliert mindestens die Hälfte seiner potenziellen Kunden, weil sich die Gäste für den Urlaub in ihrem Heimatland hauptsächlich im Internet informieren. Wer also keine Internetpräsenz zeigt, ist de facto unsichtbar und nicht erreichbar. „Bewertungsportale spielen dabei, neben Klassifizierungen und Zertifizierungen, eine zunehmende Rolle“, erklärt Reinhard Meyer. „Mancher (Pensions-)Wirt wundert sich immer noch, dass bereits am nächsten Tag sein Gericht, sein Service und seine Unterkunft bewertet wurden – für Millionen Menschen sichtbar.“


Norbert Fiebig, Präsident des Deutschen Reiseverbandes (DRV), Foto: NDR / Christian Wyrwa

Es zahlt sich also aus, gut zu sein, denn die Reiselust der Deutschen ist ungebrochen: Fast 65 Milliarden Euro haben die Bundesbürger im letzten Jahr für private Reisen vorab auf den Tisch gelegt – ein Plus von 8,2 Prozent gegenüber 2016. „Die Deutschen sind mehr gereist und haben dabei auch mehr Geld ausgegeben“, sagt Norbert Fiebig, Präsident des Deutschen Reiseverbandes (DRV). Beliebt ist nach wie vor der klassische Badeurlaub am Mittelmeer mit verlässlich schönem Sonnenschein und dem Meer direkt vor der Tür, für den sogar 14 Prozent mehr ausgegeben wurde, gefolgt von Städtereisen und kulturellen Rundreisen mit einem Plus von 12 Prozent.

Die gute wirtschaftliche Lage ermögliche vielen Menschen, ihre Lust aufs Reisen auszuleben – und diese möglichst lange im Voraus zu planen und zu buchen. „Bereits am Anfang des Jahres waren 16 Prozent mehr Reisen für die Sommersaison als im Vorjahr gebucht worden, und dies zudem auch deutlich früher als sonst“, erläutert Norbert Fiebig. Mehr als die Hälfte aller Reisen wird dabei als Pauschalreise gebucht. Das spare jede Menge Zeit und Nerven. Und es gebe keinen Preisunterschied bei der Buchung einer Pauschalreise zwischen Reisebüro und Internet – überall seien die Preise für eine identische Reise eines Anbieters gleich, so Fiebig mit Verweis auf eine Untersuchung der Stiftung Warentest im Jahr 2017.

„Ein besonders großes Wachstum verzeichnen wir bei Kreuzfahrten. Seit 1995 registrieren wir hier eine Steigerung der Passagierzahlen um 870 Prozent. Denn die Gäste sind davon begeistert: das Erlebnis an Bord, der hohe Komfort, die Sicherheit und die Mobilität, ohne dabei ständig den Koffer packen und sein Hotelbett wechseln zu müssen. Das sind Argumente, die sich herumsprechen.“ Dabei wächst das Kreuzfahrtsegment weiter, es werden immer weiter neue Schiffe mit zusätzlichen Kapazitäten in Dienst gestellt, die alle sehr gut ausgelastet sind. „Neben Themenkreuzfahrten werden besonders Gourmet-, Golf- und Familienkreuzfahrten nachgefragt, aber auch Heavy-Metal-Fans finden Gefallen an speziell auf sie zugeschnittenen Turns“, so der DRV-Präsident. Mit beinahe 30 Prozent sind die Routen durch Nordeuropa am beliebtesten, gefolgt von solchen durchs Mittelmeer mit 26 Prozent, Karibik und Kanaren (jeweils zehn Prozent) und der Ostsee mit acht Prozent. Auf dem Wasser die ganze Welt zu umrunden steht ebenfalls hoch im Kurs, liegt jedoch vom Volumen her im unteren einstelligen Bereich.

Auch kleinere Expeditionsschiffe für 200 bis 400 Passagiere werden verstärkt nachgefragt und werden daher entweder modernisiert oder neu gebaut. Ebenfalls wachsender Beliebtheit erfreuen sich Flusskreuzfahrten. „Bei Hochseekreuzfahrten bleiben die Gäste im Schnitt neun Nächte auf ihrem Schiff, bei Flusskreuzfahrten sind es durchschnittlich 6,8 Nächte“, sagt Norbert Fiebig. „Im letzten Jahr sind hier 22 Schiffe dazugekommen. Am liebsten erkunden die Flusskreuzreisenden Rhein und Donau – von Passau bis zum Schwarzen Meer und wieder zurück.“

Der größte Anteil der Pauschalreisen wird übrigens nach wie vor über das Reisebüro gebucht, was erstens mit der Attraktivität der Produkte zu tun hat und zweitens mit dem zusätzlichen Service. „Im Reisebüro habe ich den Vorteil, mit einem Experten zu sprechen, der mir sehr viel passgenauer eine Reise zusammenstellt als ich es selbst meistens kann. Die Berater kennen sich (oft auch persönlich) mit dem Produkt aus und können deshalb hervorragend unterstützen. Und bei dem Rundum-Sorglos-Paket einer im Reisebüro gebuchten Pauschalreise ist der Kunde viel besser abgesichert.“ Das gilt nicht nur bei Krisen vor Ort, sondern auch bei Insolvenzen wie beispielsweise der von Air Berlin, wo Pauschalreisende im Gegensatz zu Individualreisenden problemlos ohne Mehrkosten auf einen anderen Flug umgebucht wurden.

Werden Reklamationen und Erstattungen durch das viel diskutierte EU-Pauschalreiserecht nicht durchweg vereinfacht? „Durch dieses neue Gesetz, das von uns als Verband im Vorfeld eher kritisch bewertet wurde, bekommt der Kunde im Reisebüro nun ein Formblatt zur Unterzeichnung vorgelegt, aus dem klar hervorgeht, welche Reiseart gebucht wurde“, sagt Fiebig. „Kunden haben nun EU-weit neben erweitertem Insolvenzschutz auch längere Reklamationsfristen: anstatt 30 Tagen dürfen sie nun zwei Jahre lang reklamieren. Für die Mitarbeiter der Reisebüros bedeutet die Regelung allerdings einen deutlich erhöhten Bürokratieaufwand.“

Die Türkei hat als Reiseziel die Talsohle überwunden und befindet sich nun auf deutlichem Erholungskurs. Fiebig freut sich, dass die langjährigen Partner vor Ort wieder viele Buchungen bekommen, denn als Produkt habe die Türkei mit ihrem exzellenten Preis-Leistungs-Verhältnis vor allem für all inclusive buchende Familien dem Markt sehr gefehlt. Das Gleiche gelte für Ägypten, das ebenfalls vor einiger Zeit mit Besucherrückgängen konfrontiert war und nun wieder in der Gunst der Urlauber zulegt. Enormer Sicherheitsaufwand an Flughäfen, Hotels und touristischen Hot Spots zeige Wirkung und führe zu gestiegenen Vorausbuchungen – nach 55 Prozent Plus im Jahr 2017 dieses Jahr um weitere 64 Prozent. „Auch Tunesien verzeichnete 2017 ein erfreuliches Plus von 40 Prozent, Griechenland hat sich ebenfalls entspannt und meldet sogar besonders hohe prozentuale Zuwächse. Und auch Bulgarien entwickelt sich sehr gut, besonders die Region um den Goldstrand bei Varna.“ Die Arabischen Emirate freuen sich über ein Drittel mehr Zuwächse, und auch Südafrika, Kenia, die Seychellen, Mauritius und Thailand legen an Buchungen zu. Rückgänge zeigen sich dagegen bei den USA und Kuba.

Die Deutschen machen durchschnittlich 1,3 Reisen pro Jahr und sind dabei im Schnitt 13,1 Tage weg von zu Hause. Der Haupturlaub muss nicht mehr drei Wochen lang sein – viele packen lieber etwas kürzer ihre Koffer und machen dafür noch einen zweiten Urlaub. Denn nach wie vor gilt: Reisen? Ja, ich will!

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Journalist

Katja Deutsch

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