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Wandernde und Mountainbike-Fahrer:innen sollten aus Respekt vor Pflanzen und Tieren die Wege nicht verlassen. REISEN & ERLEBEN

So endlos weit

Bergwanderungen machen immer mehr Menschen glücklich. Vielen ist nicht bewusst, dass sie mit ihrem Verhalten dem Lebensraum vieler Tiere und Pflanzen der Bergwelt schaden. 

Ein lauter, hoher Pfiff ertönt von irgendwoher aus den unzähligen Felsen und Steinen vor uns. Wie von Riesenhand hingeworfen liegen sie auf dem sonnigen Alpenhang, in der Ferne schmiegt sich ein stiller, spiegel- glatter See in die Landschaft. Vor uns liegt eine überwältigend schöne Bergkulis-se, wie gemalt reckt sie sich in den Him-mel. Wir wandern seit dem Morgen mit leichtem Gepäck und fühlen bei jedem Schritt die tiefe Verbundenheit mit der Natur. Das Wandern ist des Müllers Lust? Müller gibt es so gut wie nirgends mehr, die Lust am Wandern jedoch hat sich bei vielen Bevölkerungsgruppen exponen-tiell vervielfältigt. Die Stille der Berge, die satten Bergwiesen voller leuchtend bunter Blumen, die abwechslungsreichen Wege, die kleinen Bäche und rauschen-den Wasserfälle lassen das Herz höher-schlagen. Was gibt es Schöneres, als die Baumgrenze hinter sich zu lassen und sich dem steilen Gipfel zu nähern – und oben angekommen beim Anblick der fast blau wirkenden Bergkulisse ein tiefes Glücksge-fühl zu empfinden?

Als zwei weitere gellende Pfiffe ertönen, sehen wir, von wem sie stammen: Ein Murmeltier mit zwei Jungtieren hat sich vor seiner Höhle aufgeregt auf seine Hinterbeine gestellt und warnt seine Familie und den gesamten Hang vor uns Eindringlingen. Sind die süß! Als wir nä-herkommen, verschwinden sie blitzschnell zwischen den Felsen und verhalten sich mucksmäuschenstill. 

Die großen Steine fühlen sich warm an von der Herbstsonne, es ist schön, sich darauf niederzulassen. Die Augen erholen sich beim Blick in die endlose Weite der grandiosen Bergkulisse. Hier und da haben sich Schneefelder der Kraft der Sonne widersetzt und leuchten weiß zwischen den Felsen. Tief atmen wir die frische, klare Bergluft ein. Pures Glück durchströmt uns. Diese Ruhe, dieser Frieden, diese Weite! Der Erholungswert ist beim Wandern ungleich höher als beim Strandurlaub, zudem hält er länger an.

Doch Wandernde sollten sich bewusst machen dass die Berge, insbesondere die stark frequentierten Alpen, ein riesengro-ßes Ökosystem sind und weit mehr als eine hübsche Kulisse für Sport- und Frei-zeitspaß. Sie ist der empfindliche Lebens-raum unzähliger Pflanzen und Tiere, der durch falsches Verhalten gefährdet wird.

Naturschutz und Bergsport sind un-trennbar miteinander verbunden. Wenn wir nicht aufpassen, zerstören wir den Alpenraum aus reiner Nachlässigkeit und Bequemlichkeit. Gerade die Alpen sind eine Region von großer biologischer Vielfalt: Hier wachsen 5.000 Pilzarten, 2.500 Flechtarten, 4.500 Gefäßpflanzen, 800 verschiedene Laubmoose. 20.000 wirbellose Tierarten, 200 verschiedene Brutvögel, 80 Säugetierarten, 21 unter-schiedliche Amphibien und 15 Repti-lienarten bevölkern die Alpen, in den Gewässern schwimmen 80 Fischarten. Alle Pflanzen und Tiere erfüllen wichtige Funktionen zum Erhalt der Bergwelt, die wir so lieben. 

Der Slogan „Verlass die vorgegebenen Wege“ mag in der Arbeitswelt seine Berechtigung haben, in den Bergen hat er sie definitiv nicht. Wandernde und Mountainbike-Fahrer:innen sollten aus Respekt vor Pflanzen und Tieren die Wege nicht verlassen. Das Wegenetz ist meist gut ausgeschildert, für Mountain-bike-Fahrer:innen wurden ausreichend gut ausgebaute Downhill-Strecken unterschiedlicher Schwierigkeitsstufen gebaut, die sich komfortabel per Gondel erreichen lassen. Diese Strecken sind hervorragend geeignet, sich so richtig auszupowern – ohne dabei die Natur zu zerstören und Wandernde in Gefahr zu bringen. Das gilt selbstverständlich auch im Winter bei Schneewanderungen und für Ski- und Snowboardfahrer. Die Tiere brauchen den Wald als Rückzugsraum, viele halten Winterschlaf. Wintersport-ler:innen sollten auf den präparierten Pisten bleiben und die Waldgebiete mei-den, so reizvoll es auch sein mag, völlig unberührte Gebiete hinunter zu wedeln. 

Für viele Menschen gehört der Hund einfach zur Familie und kommt selbstver-ständlich auch mit in die Berge. Hunde sollten aus Rücksicht auf brütende Tiere in der Natur immer angeleint werden und es macht sehr wenig Sinn, ihre Ausschei-dungen in Plastiktüten zu packen und diese dann liegen zu lassen. Während sich Hundekot in ein bis drei Monaten zersetzt, dauert dieser Prozess bei Plastiktüten gan-ze 200 Jahre. Auch Wanderer sollten sich bewusst machen, dass Taschentücher ein bis fünf Jahre brauchen, bis sie kompostiert sind, und Feuchttücher sogar über zehn Jahre. Bananen- und Mandarinenschalen bleiben bis zu drei Jahren für die ande-ren sichtbar, Zigarettenstummel haben sich erst nach sieben Jahren vollständig zersetzt. Ob nachfolgende Generationen historische Getränkedosen schätzen? Erst nach 500 Jahren haben sich diese aufge-löst. Glasflaschen brauchten sogar doppelt so lange, bis sie verschwunden sind, näm-lich ganze 1.000 Jahre. 

Während wir Schüttelbrot und Speck essen, hören wir Kuhglockengeläut, das Summen der Hummeln, das weit ent-fernte Kreischen eines Greifvogels. Die Abendsonne wird schwächer, wir müssen uns aufmachen, um vor Einbruch der Nacht die Hütte zu erreichen. Wir passie-ren sprudelnde Bäche und sehen, wie die Gipfel um uns herum in rotes Abendlicht getaucht werden. Was für ein riesiges Glück, in den Alpen zu sein! Mögen wir es noch lange so genießen, und unseren Enkeln zeigen können!

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Journalist

Katja Deutsch

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