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Jahrzehnt des Trendbruchs

Seit fast vierzig Jahren leben wir in einem günstigen Umfeld für Anleger: Die Zinsen sanken von weit über zehn Prozent auf null. Die Bewertungen von Aktien stiegen kontinuierlich, unterbrochen von gelegentlichen Krisen, und Immobilien vervielfachten sich im Wert. Immer wenn Ungemach drohte – Asienkrise, New-Economy-Blase, 11. September, Finanzkrise – sprangen die Notenbanken als Retter ein und verhinderten das Schlimmste. So auch in der Corona-Krise. 

Dr. Daniel Stelter, Makroökonom und Strategieberater, beyond the obvious; Foto: Robert Becker/Berlin

Diese Hilfen verhinderten aber auch, die Wirtschaft zu bereinigen und halfen, Unternehmen am Leben zu halten, die nur dank Nullzins ihren finanziellen Verpflichtungen nachkommen können. Solche „Zombies“ investieren nicht; sie verderben den gesunden Unternehmen das Geschäft. Die Folge: Überkapazitäten, deflationärer Druck und fehlende Produktivitätszuwächse. Vor Corona schätzte die BIZ den Zombie-Anteil je nach Land auf 10 bis 25 Prozent. Heute dürften es deutlich mehr sein. 

Andere Nebenwirkungen waren schneller wachsende Schulden, steigende Vermögenspreise und damit eine zunehmende Ungleichheit. Je höher verschuldet die Wirtschaft aber ist, desto größer ihre Krisenanfälligkeit. Folge: Die Notenbanken müssen noch mehr eingreifen. Deshalb wurde schon vor Corona über Instrumente wie noch negativere Zinsen, Einschränken/Besteuern von Bar-geld, Kapitalverkehrskontrollen, direkte Finanzierung der Staaten durch die Notenbanken bis hin zu Helikoptergeld nachgedacht. 

Corona wirkt wie ein Brandbeschleuniger. Die Notenbanken finanzieren faktisch weltweit die Billionen schweren Rettungspakete und gehen dazu über, allen Schuldnern zu helfen, egal wie unsolide diese gewirtschaftet haben. So wird eine weltweite Depression zwar verhindert, es dürfte aber nicht genügen, um das Wirtschaftswachstum auf früheres Niveau zu heben. 

Wir Anleger müssen uns auf ein Feuerwerk radikaler Maßnahmen einstellen. Vor allem die neue „Wunderwaffe“ der Staatsfinanzierung durch die Notenbanken dürfte eingesetzt werden – in Europa bereits vorbereitet durch die aktive Rolle, die die EZB beim Bekämpfen des Klimawandels einnehmen will. Kauft sie nur noch „grüne Anleihen“, wird die EU diese nur zu gerne ausgeben, um den teilweise planwirtschaftlichen Umbau unserer Wirtschaft zur Klimaneutralität zu finanzieren. 

Gepaart mit der politisch vorgegebenen Entwertung vorhandenen Vermögens (Ölheizung, Verbrenner etc.) soll es gelingen, so eine Mehrnachfrage zu generieren. Da gleichzeitig die Angebotsseite der Wirtschaft unter den genannten Faktoren leidet und zusätzlich die Wertschöpfungsketten nach Corona und durch zunehmenden Protektionismus (als „Klimazölle“ getarnt) regionalisiert werden, dürfte dieser Nachfrageschub zu steigenden Preisen führen. 

In die gleiche Richtung wirkt die Demografie. Die Erwerbsbevölkerung beginnt weltweit zu schrumpfen. Die Folgen sind steigende Lasten für das Versorgen der alternden Gesellschaft und steigende Löhne für die zunehmend knappen Arbeitskräfte. 

Gerade Trendbrüche bieten enorme Chancen für jene, die sich darauf einstellen. Neben einer weltweiten Diversifikation über Anlageklassen – Gold, Immobilien, Aktien und Liquidität – hinweg, erfordert dies eine Ausrichtung an den Megatrends der kommen-den Jahre: grüne Technologien, Automatisierung und Versorgung einer alternden Gesellschaft. 

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Journalist

Dr. Daniel Stelter

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