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Zeit zum Umdenken

Das Bewusstsein der Deutschen für eine bessere Öko-Bilanz wächst. 68 Prozent halten den Umwelt- und Klimaschutz für eine „sehr wichtige Herausforderung“ – damit waren es 2019 ganze 15 Prozent mehr als noch im Jahr 2016. Das zeigt eine Zwischenerhebung des Umweltbundesamtes. Eine Umfrage der Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse ergab, dass vergangenes Jahr rund 23,48 Millionen deutschsprachige Kunden sogar bereit waren, für umweltfreundliche Produkte mehr Geld auszugeben. Auch der Bio-Gedanke, lokale Fertigung und die Nachhaltigkeit der Inhaltsstoffe spielen eine immer größere Rolle beim Einkauf. Äpfel aus Argentinien? Spargel aus Peru? Wasser von den Fidschi-Inseln? Muss das wirklich sein? Die Deutschen wägen heute zwischen spontaner Konsumlust und grünem Gewissen so genau ab wie noch nie.

Ein Aspekt bleibt den umweltbewussten Kunden jedoch verborgen – das Geschehen hinter den Rolltoren des Supermarkts. Denn auch deutsche Produkte nehmen nicht unbedingt den ökologischsten Weg ins Regal. Der wäre über die sogenannten Zentrallager des jeweiligen Handelsunternehmens wie Edeka, Rewe, Aldi, Lidl und Netto. An diesen Knotenpunkten für die Anlieferung brechen fast täglich Lieferwagen, effizient beladen mit frischen Lebensmitteln, zu den Läden auf – entlang genau ausgeklügelter Routen, die unnötige Kilometer vermeiden. Doch gerade das von Deutschen so innig geliebte Brot, kommt noch immer nicht bei jedem Supermarkt gemeinsam mit den anderen Gütern an. Im Gegenteil: Produzenten schicken in der Regel weiterhin ihre eigenen Mitarbeiter direkt in die rund 37 500 deutschen Lebensmittelgeschäfte, um neue Packungen anzuliefern und Übriggebliebene wieder mitzunehmen. Für die Mitarbeiter der Supermärkte ist das bequem, wenn die Regale so aufgefüllt werden, allerdings bezahlt dafür die Umwelt. Würden die Unternehmen – Hersteller und Lebensmittelketten – auf die Direkt-Belieferung verzichten, könnten mehr als zehn Millionen LKW-Fahrten und über 200 Millionen LKW-Kilometer eingespart werden – pro Jahr und pro Lieferant, der auf Zentrallager-Lieferung umstellt. Das Plus liegt klar auf der Hand: Weniger Lärmbelästigung, weniger verstopfte Straßen und vor allem auch weniger CO2-Ausstoß.

Sich zu einer neuen Lieferlogistik durchzuringen, fällt vielen Unternehmen dennoch schwer. Einige Händler haben sich trotzdem bereits entschieden, die Bestellungen ihrer Märkte weiter zu bündeln und Lebensmittelmärkte ausschließlich über die bestehenden Lagerstandorte und mit Lastwagen, die ohnehin täglich unterwegs sind, zu beliefern. Und es ist höchste Zeit dafür: Aktuelle Messungen zeigen – trotz gestiegenem Augenmerk auf den Emissionsausstoß – auch gestiegene CO2-Werte im Straßenverkehr. Ein Trend, der den großen Klimaschutzzielen der Bundesregierung entgegenläuft, sollten doch 2030 bereits mindestens 55 Prozent weniger Treibhausgase im Vergleich zum Jahr 1990 verursacht werden, 2050 sogar mindestens 80 Prozent. Um dies zu erreichen, müssten allerdings vermeidbare Kohlendioxid-Ausstöße auf null reduziert werden – und das am besten ab sofort.

Vorreiter für ein Umdenken bei den bisher eigenständig liefernden Brotherstellern, ist die 1922 in Achim bei Bremen gegründete Großbäckerei Lieken. Bereits im März hat der Konzern, der in seiner Branche im deutschen Umsatz-Ranking auf Platz 2 liegt und unter anderem berühmt für seinen Golden Toast ist, beschlossen: Jetzt ist Schluss mit der unnötigen Schadstoffbelastung. Die komplette Logistik wurde umgestellt, die über 17.000 Lebensmittelmärkte, die bisher täglich direkt beliefert wurden, bekommen die Lieken-Artikel jetzt mit allen anderen Lebensmitteln über die Zentrallager der Kunden, zu denen Handelsketten wie Edeka, Lidl, Netto und im Süden Aldi und Kaufland gehören. Was für Milchprodukte, Pasta und Gemüse seit Jahren als der ökologisch sinnvolle Weg in die Märkte gilt, kann auch für Brot schließlich nur vernünftig sein. Von den 50.000 Broten, die Lieken pro Stunde produziert, landen fast 90 Prozent im deutschen Einzelhandel. Und Andreas Utasch, Vorstand der Bäckerei Lieken, hat beschlossen, die Reise seiner Waren in die Regale umweltbewusster zu machen. Durch die neue Logistikstrategie fallen bei Lieken jetzt geschätzte 50 Millionen Kilometer Fahrtstrecke pro Jahr auf unseren Straßen weg, das spart Kosten und mehrere tausend Tonnen CO2, wie die Klimaberatung ClimatePartner aus München ermittelt. Mit diesen Argumenten hofft Utasch auch die weiteren Lebensmittelketten zu sensibilisieren und die Brotbranche vom „Mitmachen“ zu überzeugen. Der Umwelt zuliebe.

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Journalist

Alicia Steinbrück

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